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Wenn es auf jede Minute ankommt

Info-Tour zum Schlaganfall Wenn es auf jede Minute ankommt

Mit einem Schlag war nichts mehr, wie es war. Jürgen Langemeyer, damals 43 Jahre alt und ein erfolgreicher Unternehmensberater aus Quickborn, wurde durch eine Hirnblutung aus seinem bisherigen Leben herausgerissen. Wie er erleiden in Deutschland jährlich etwa 270000 Menschen einen Schlaganfall, in Schleswig-Holstein sind es mindestens 9000. Tendenz steigend.

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Um Folgeschäden zu vermeiden, müssen Schlaganfall-Patient möglichst schnell in einer Stroke Unit behandelt werden.

Quelle: Wolfgang Thieme/dpa

Quickborn/Kiel. Jürgen Langemeyer hat sich mühsam ins Leben zurückgekämpft. Wie ihm das gelungen ist, erzählt er heute als Vorsitzender des Schlaganfall-Rings Schleswig-Holstein in vielen Vorträgen, um Betroffenen Mut zu machen. „Ein Schlaganfall hebt die ganze Familie von einer Sekunde auf die andere aus den Angeln“, sagt der heute 55-Jährige. Seine Frau Ingrid hat damals den Krankenwagen gerufen und damit genau richtig reagiert. „Zeit ist Hirn“ – auf diese Formel bringt auch Prof. Günther Deuschl, Leiter der Kieler Uni-Neurologie, seinen dringenden Appell: Nicht abwarten, auch nicht den Hausarzt zuerst um Rat fragen wollen, sondern sofort die 112 anrufen. Sei der Rettungsdienst erst einmal da, könne der Patient sicher sein, dass er in entsprechenden Zentren und Schlaganfall-Einheiten (Stroke-Units) gut und individuell behandelt werde. Die Versorgung in Deutschland, sind sich Experten einig, ist nahezu perfekt. Mit Erfolg: Die Sterberate geht deutlich zurück.

Als Jürgen Langemeyer, der Vorsitzende des Schlaganfall-Rings Schleswig-Holstein, vor zwölf Jahren einen Schlaganfall hatte, rief seine Frau Ingrid sofort den Krankenwagen – und reagierte damit genau richtig. Heute macht Langemeyer in vielen Vorträgen Betroffenen Mut. Foto: Frank Peter

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 Alarmiert sind die Mediziner jedoch bundesweit, da oft viel zu viel Zeit verstreicht, bis ein Betroffener richtig behandelt werden kann. Warum das so ist, belegte eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung: Danach können viele die Symptome wie Lähmungen, Gefühls-, Sprach- und Sehstörungen zwar richtig deuten, doch die meisten wissen nicht, wie sie im Ernstfall reagieren sollen. Nur jeder Dritte würde das Richtige tun und den Rettungsdienst verständigen. Ein weiteres Drittel würde lediglich empfehlen, einen Schluck zu trinken, sich ins Bett zu legen oder abzuwarten.

 Je schneller aber der Krankenwagen alarmiert wird, umso größer die Chancen für den Patienten, die Schädigungen in Grenzen zu halten. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen ist nach einem Jahr noch eine unterschiedlich stark ausgeprägte Behinderung festzustellen. Doch nur zehn Prozent der Patienten kommt nach Schätzungen der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft innerhalb einer Stunde in die Klinik, ein gutes Drittel innerhalb von drei Stunden. Deuschl betont: „Am besten sind die Betroffenen innerhalb der ersten halben Stunde bei uns.“

 Die Zeit zwischen Symptombeginn und Notruf hatte sich am Kieler Uni-Klinikum in den vergangenen Jahren enorm verkürzt: Von 58 Minuten auf fast die Hälfte der Zeit – auch Dank einer von den Kieler Nachrichten unterstützten Aufklärungskampagne. Das konnte auch eine Doktorarbeit nachweisen. Ein Riesenerfolg, der aber nicht anhielt, weshalb Deuschl es wichtig findet, die Leute immer wieder über die Symptome und Risiken zu informieren wie etwa jetzt mit Bus-Tour „Herzenssache Schlaganfall“. Zumal die Zahlen wegen der steigenden Lebenserwartung nach oben klettern: Laut Schätzungen treten zwar etwa fünf bis zehn Prozent der Schlaganfälle bei unter 50-Jährigen auf. Selbst Neugeborene und Kinder können einen Schlaganfall erleiden. Doch mehr als 80 Prozent der Betroffenen sind über 60 Jahre alt. „Wir haben mittlerweile auch 100-jährige Patienten“, berichtet Deuschl. Nach Angaben von Neurologie-Oberarzt Dr. Andreas Binder werden derzeit mehr als 1100 Schlaganfall-Patienten in Kiel im Jahr behandelt, vor drei Jahren waren es etwa 800.

 Neben einem höheren Alter zählen vor allem Vorhofflimmern, eine häufig zu spät diagnostizierte Herzrhythmusstörung, zu hoher Blutdruck, Diabetes, Übergewicht und Bewegungsmangel zu den Risikofaktoren. Etwa 85 Prozent der Schlaganfall-Patienten erleiden einen sogenannten Hirninfarkt: Plötzlich wird das Gehirn durch ein verschlepptes Blutgerinnsel oder aufgrund einer Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) nicht mehr ausreichend durchblutet. Die grauen Zellen drohen daher abzusterben. Seltener erfolgt der Schlaganfall, wie ihn Langemeyer wegen eines Gendefekts erlitten hat, durch eine Blutung im Gehirn.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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