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„Hier ist unser neues Zuhause“

Mettenhof-Serie „Hier ist unser neues Zuhause“

Eigentlich war es ihnen egal, wo sie in Deutschland landen. Familie Diab aus Damaskus/Syrien suchte nur eine Bleibe, in der sie sicher ist – und wo vor allem die vier Kinder ohne Krieg, Bomben, Bedrohungen und Gewalt aufwachsen können.

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Neue Freunde helfen beim Einleben: Ilona Schmidt-Maeding (vorne) und Gudrun Wegerich (von links) machen mit Faisal und Sahar Diab und ihren Töchtern Malak, Soulaf, Hala (nicht auf dem Bild) und Jana (vorne links) Ausflüge und lernen Deutsch.

Quelle: Jennifer Ruske

Mettenhof. Am Ende ihrer viermonatigen Flucht ist Kiel die neue Heimat geworden – genauer gesagt Mettenhof. Seit einem Jahr ist der Stadtteil ihr Zuhause. Und in dem helfen neue Freunde tatkräftig dabei, dass sich die Neu-Kieler wohlfühlen.

 Eine, die sich sichtlich wohlfühlt, ist Jana. Die Sechsjährige ist ganz besonders aufgeregt: „Ich komme bald in die Schule“, freut sich das fröhliche Mädchen, das, nachdem es erst einmal aufgetaut ist, auf Deutsch davon schwärmt, dass es bald lesen, schreiben und rechnen lernen darf. Mit ihrem Vater Faisal Diab (52), einem studierten Bauingenieur, und Mutter Sahar Diab (44), einer Chemie-Ingenieurin („ich war in der Lebensmittelindustrie in einem Labor tätig“) hat Jana den kurzen Weg zur Max-Tau-Schule und die Schule selbst erkundet.

 Während die jüngste der vier Töchter den 2. September kaum erwarten kann, bereitet die Einschulung Sahar Diab noch ein wenig Kopfzerbrechen. „In Syrien kennen wir die Tradition der Schultüten nicht“, erklärt sie auf Englisch. Natürlich soll Jana auch eine bekommen. Aber mit was man diese füllt, ist ihr nicht klar. Nur gut, dass es die Freunde gibt. Auf einem Nachbarschaftstreffen haben sich Familie Diab und Ilona Schmidt-Maeding sowie Gudrun Wegerich kennengelernt und angefreundet. „Wir machen Ausflüge zusammen, üben Deutsch, helfen aber auch bei Fragen“, erzählen die Mettenhoferinnen, deren Freundschaft und Hilfe ein Grund dafür sind, dass sich die Diabs in Mettenhof „sehr wohlfühlen.“

 Ohne diese Kontakte wäre der Start für die Familie sicher nicht so einfach gewesen, hätten sie sich nicht so schnell willkommen und angenommen gefühlt im Stadtteil. „Die Tage sind schon lang, wenn man nicht arbeiten darf“, sagt seufzend Faisal Diab. Während die Mädchen – Malek (18), Soulaf (15), Hala (10) und Jana (6) – im DaZ-Zentrum oder bei der Zentralen Bildungs- und Beratungsstelle für MigrantInnen (ZBBS) Deutsch lernen und sich auf ihren Start in der Max-Tau-Schule, der Gemeinschaftsschule Hassee und der Ricarda-Huch-Schule vorbereiten, kümmern sich die Eltern um den Haushalt und ums Einkaufen.

 „Zum Glück gehen unsere Deutschkurse am 31. August los. Dann hoffen wir, dass wir auch bald Arbeit finden“, sagt Sahar Diab. Rechtlich steht dem nichts im Wege, die Familie hat eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Vater Faisal engagiert sich bereits mit weiteren Flüchtlingen bei der Fahrradwerkstatt auf dem Awo-Kinder- und Jugendbauernhof. „Ich muss einfach etwas tun“, sagt der sportliche und fußballbegeisterte Mann, der jeden Tag 25 Kilometer durch Kiel läuft, um seine neue Heimat kennenzulernen. „Ich mag besonders Alt-Mettenhof mit den Einfamilienhäusern und dem vielen Grün“, schwärmt der 52-Jährige. Er hatte in Damaskus ein eigenes Unternehmen und baute Häuser.

 Dass es so viele Spielplätze in Mettenhof gibt und so viele Möglichkeiten, im Grünen mit der Familie spazieren zu gehen zum Beispiel um den Heidenberger Teich, finden die Mädchen toll. Wie die Spielplätze in der 1,8 Millionen-Einwohner-Stadt Damaskus waren, vermag Jana indes nicht zu sagen. „Sie war drei Jahre alt, als der Krieg ausbrach“, erzählt Mutter Sahar. Sie haben sich wegen des Krieges kaum getraut, aus dem Haus zu gehen. Als eine Bombe dann in das Hochhaus einschlug, in dem die Familie wohnte („die Kleinen waren gerade zu Bett gegangen“), haben sie sich zur Flucht entschlossen. „Mein Bruder wohnt in Freiburg“, deshalb war Deutschland für Sahar Diab die erste Wahl.

 Mitnehmen konnten sie nur wenig – einige Familienfotos, das Handy und Albträume. „Jana und Hala schlafen bei uns im Zimmer, weil sie schlecht träumen“, erzählen Malek und Soulaf. Vier Zimmer hat die sechsköpfige Familie in Mettenhof zur Verfügung, ausgestattet mit dem Nötigsten: „Das reicht uns“, erzählen die Mädchen, die mit einem kleinen Platz zum Hausaufgabenmachen und Malen auskommen. Ob sie jedoch in der Wohnung bleiben können, ist ungewiss: „Das ist eine Erstaufnahmewohnung – eigentlich müsste die Familie umziehen. Doch bezahlbarer Wohnraum ist schwer zu finden“, weiß Gudrun Wegerich. „Wir hoffen so sehr, dass wir in Mettenhof bleiben können“, ist der größte Wunsch der Familie Diab. „Denn hier haben wir jetzt Freunde, hier ist unser neues Zuhause.“

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Foto: Wohnt seit 1969 in Mettenhof – und das sehr gerne: Elfriede Gerauch (fast 95).

Nach Kiel hatte sie anfangs nicht gewollt: Elfriede Gerauch war Flensburgerin mit Leib und Seele. Doch ihr Ehemann, ein Musiker, bekam nach der Kriegsgefangenschaft einen Job beim Musikkorps der Polizei in der Landeshauptstadt.

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