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Meyer: Realpolitiker mit Familiensinn

OB-Wahl in Kiel Meyer: Realpolitiker mit Familiensinn

Vier Männer und eine Frau wollen als Oberbürgermeister-Kandidaten bei der Direktwahl am 28. Oktober das Kieler Rathaus erobern: Susanne Gaschke (SPD), Gert Meyer (CDU), Andreas Tietze (Grüne) sowie die parteiunabhängigen Kandidaten Jan Barg und Matthias Cravan. In der letzten Woche vor der Wahl beleuchten wir die persönlichen Seiten der Kandidaten.

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„Ich bin durch und durch ein Familienmensch“: CDU-Kandidat Gert Meyer genießt auch in diesen stressigen Tagen die gemeinsame Zeit mit Sohn Justus (7) und seiner Frau Sigrid Meyer-Frahm.

Quelle: Rebehn

Kiel. Hasseldieksdamm nahe Uhlenkrog, 9.30 Uhr, der Reporter steht eine halbe Stunde zu früh vor der Tür. Andere Gastgeber würden da noch eilig Staub saugen – hier herrscht eine entspannte Atmosphäre. Auf dem gläsernen Esstisch im Wohnzimmer vor der lila Wand stehen bereits Tassen auf Servietten, kleine Blumen und Kerzen in lila Teelichthaltern aus Glas, der Kaffee ist gerade durchgelaufen, und die Apfelmuffins hat Sigrid Meyer-Frahm mit ihrem Sohn am Vortag gebacken. „Herzlich willkommen“, sagt Gert Meyer.

Der siebenjährige Justus führt den Gast sofort ins Kinderzimmer, um dort sein Haus aus Lego zu zeigen, an dem er gerade tüftelt. Doch, man habe am Abend zuvor noch aufgeräumt, gibt der Hausherr zu, und seine Frau Sigrid (43) nickt. „Wissen Sie, es kommen ja auch Nachbarkinder“, und schnell werde aus der 110-Quadratmeter-Erdgeschosswohnung ein großer Spielplatz. 2002, ein Jahr nach ihrer Hochzeit, hatten sich die Eheleute im großen Haus aus den 90ern Eigentum gekauft, hatten Wände eingerissen, damit alles schön offen und luftig wirkt, hatten mit Hilfe eines befreundeten Fachmanns wertiges Ahornparkett verlegt und sich fest auf ein Leben zu zweit eingerichtet. Als dann Justus zur Welt kam, war das ein kleines Wunder.

Am nächsten Tag wird auch an der Gorch-Fock-Schule wieder der Unterricht beginnen – dort, wo schon Gert Meyer selbst die Schulbank drückte. Zumindest morgens ist für den ehemaligen Finanz- und Kulturdezernenten auch seit seinem Abschied aus dem Amt Ende März alles wie immer geblieben. Auch weiterhin steht er gegen 6.15 Uhr als Erster auf, macht für die Familie Frühstück, schaut ein erstes Mal in die Zeitung und bringt den Sohn dann mit dem Fahrrad zur Schule, bevor er vielleicht einen Abstecher zu seinen Eltern macht, beide schon über 80, um den beiden Herrschaften im Garten zu helfen. „Ich bin nun mal ein ausgesprochener Familienmensch“, sagt Meyer. Seine Frau, die er beim Betriebswirtschaftsstudium an der Fachhochschule kennengelernt hatte, arbeitet Teilzeit als Controllerin bei der AOK und übernimmt mittags die Kinderbetreuung.

Politische Ämter hängen von den aktuellen Mehrheitsverhältnissen ab. Meyer, Ressortleiter in Zeiten einer schwarz-grünen Ratsmehrheit, war von der rot-grün-blauen Dänen-Kooperation nach sechs Jahren abgewählt worden. Sehr bald im Frühjahr entschied sich der CDU-Mann für eine Kandidatur zum Oberbürgermeister und legte seine übrigen Job-Bewerbungen vorerst auf Eis. Eine Rückkehr in die IT-Branche könnte er sich noch immer gut vorstellen, und auch sonst habe er inzwischen eine Menge interessanter Kontakte geknüpft. „Aber hätte ich jetzt bei einem Unternehmen anfangen sollen, um dann eventuell OB zu werden und wieder zu kündigen? Das macht man nicht, das hat etwas mit Verlässlichkeit zu tun.“ Und Verlässlichkeit zählt der 41-Jährige zu seinen Charakterzügen.

Wie sich Meyer weiter selbst beschreiben würde? „Ich bin ganz umgänglich und nicht so kompliziert. Das macht mir das Leben manchmal etwas einfacher.“ Bei Konflikten unterstelle er zunächst, dass ihm der andere nichts Böses will, sondern inhaltliche Bedenken äußert. Das stimmt: Selbst politische Gegner geben hinter vorgehaltener Hand zu, dass der CDU-Mann ein wirklich netter Kerl ist – einer, mit dem man gern befreundet sein würde. Ein weiteres Wesensmerkmal lässt Meyer seit Wochen in den Wahlkampf einfließen: seine Sparsamkeit. Nahezu mantraartig weist er darauf hin, dass Kiel stärker auf seine Ausgaben achten muss. Dass man jeden Euro nur einmal ausgeben kann. Und dass derjenige, der Schulen und Sportplätze sanieren und in Kindergärten und Krippen investieren will, an anderer Stelle Verzicht üben muss. Einen Kleinen Kiel-Kanal im Zentrum oder gar eine Stadtregionalbahn hält er angesichts erdrückender Schulden für undenkbar: Wer solches den Menschen lautstark verspreche, verhalte sich unredlich.

Gleich im geräumigen Eingangsbereich der Wohnung steht ein großes Regal, in dem zweireihig Bücher stehen. Politische Literatur ist dort zu entdecken, Historisches, Biografien (aktuell liest Meyer ein Werk über Steve Jobs, „wenn ich denn zum Lesen käme“) und: meterweise Perry Rhodan in einer silbernen Schmuck-Edition. Science-Fiction-Trash so prominent im Regal? „Sie haben das nie gelesen“, stellt der Besitzer fest, ohne dass es in irgendeiner Art scharf klingt. Er könne bei diesen Romanen auch heute noch wunderbar abschalten, und wer die Jahre seit der ersten Folge 1961 Revue passieren lasse, finde vom Kalten Krieg über die Friedensbewegung bis zur Gleichberechtigung der Frau eine Menge gesellschaftlicher Zusammenhänge widergespiegelt. „Übrigens soll auch Norbert Gansel gerne Perry Rhodan lesen.“

Sollte Gert Meyer am Sonntag gewinnen, will er sich am späten Abend mit seiner Frau im Wohnzimmer hinsetzen und einen schönen spanischen oder italienischen Rotwein trinken. „Ein paar Flaschen haben wir noch von meiner Verabschiedung.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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