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Michael Vahder: Auf der Walz um die Welt

Zimmermann Michael Vahder: Auf der Walz um die Welt

Mehr als zwei Stunden warten etwa 50 Verwandte und Freunde geduldig auf den Rückkehrer von Michael Vahder in Kiel. Neun Jahre war der 33-Jährige auf der Walz und gehört damit wohl zu den Rekordhaltern. 

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Rückkehr von der Walz. Erst hinter dem Ortsschild nach Kiel darf Geselle Michael Vahder seiner Familie in die Arme fallen.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Mutter Sabine, die laut Reglement wie alle anderen hinter dem Schild warten musste, schließt ihren großen, blonden Jungen überglücklich in die Arme, während bei einer der beiden Schwestern schon Freudentränen rollen. Als Zimmerer Michael Vahder 2007 verkündete, durch die Welt zu ziehen, fiel die Familie aus allen Wolken und war schockiert: Vater und Maurermeister Lutz Vahder, seine Frau und die beiden Töchter hatten zuvor mit ihm noch fröhlich seinen 24. Geburtstag gefeiert, als er plötzlich aus seinem Zimmer mit der schwarzen Zimmermannskluft kam und damit klar war, dass er in die Welt der Wandergesellen eintaucht – mit ihren festen uralten Regeln. Die Gesellen müssen ledig und schuldenfrei sein, dürfen kein oder nur das allernötigste Geld fürs Reisen oder Schlafen ausgeben und während der gesamten Wanderjahre (Minimum drei Jahre plus ein Tag) die Bannmeile von 50 Kilometern um das Elternhaus nicht überschreiten. Keine Uhr, kein Handy, das traditionelle Tuch lediglich mit Unterhosen, Socken, Hose und Handwerkszeug bepackt, ein Wanderstock, Hut auf dem Kopf und immer die schwarze Kluft an: Es ist verständlich, dass viele die Walz für eines der letzten Abenteuer der Welt halten. Für die Familie Vahder hieß sie aber, ihren Michael nur zum Urlaub in Dänemark oder in Deutschland treffen zu können. Die Trennungen danach waren immer die schlimmsten, erinnern sich die Eltern.

 Im ersten Jahr durfte sich Michael Vahder im deutschsprachigen Raum aufhalten, arbeitete in Österreich und der Schweiz. Doch dann ging es gleich in sein Traumland, nach Australien. Sein Weg führte ihn danach von Norwegen, nach Afrika über Indien, wo er für eine Sozial-Einrichtung für Straßenkinder einen Hühnerstall und eine Spielplatz-Umrandung baute, am Ende nach Kanada und dann wieder in die Schweiz. Dort verdiente er sich Geld für die Rückkehr und den traditionellen Umtrunk für seine Gäste im Turn- und Sportheim Hasseldieksdamm-Mettenhof.

Hier finden Sie Fotos von Zimmermann Michael Vahder.

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 Heute hier, morgen dort, oft allein zu Fuß unterwegs. Michael, sagt sein Vater mit sichtlichem Stolz, ist ein zurückhaltender Mann, einer, der konsequent durchzieht, was er sich vorgenommen hat. Und er hatte sich vorgenommen, „meinen Horizont zu erweitern“, fremde Länder zu bereisen, andere Kulturen, Menschen und Arbeitsformen kennenzulernen, erzählt er, während er und seine Kumpels sich eine Pause im Schatten des Ortsplatzes in Melsdorf gönnen.

 Aber wieso neun Jahre lang, während die meisten der etwa 400 Wandergesellen und einigen Gesellinnen deutlich kürzer unterwegs sind? Es sei nicht so, dass ihn nichts zu Hause gehalten habe, antwortet er, während ein feines Lächeln über sein Gesicht huscht. Im Gegenteil: Mit dem festen Rückhalt durch die Familie sei es ihm leicht gefallen, auf die Tippelei – so nennen die Gesellen die Walz – zu gehen. Zurück kommt er mit der Erkenntnis: „Man lernt, mit wenig auszukommen, entspannter und lockerer zu leben, die Balance zu finden.“ Eine Erfahrung, die auch Altgeselle Sebastian Dageförde-Woberzil aus Celle bestätigt: „Es gibt immer eine Wegbiegung, die ein neues Ziel ermöglicht.“

 Überall, wohin Zimmermann Vahder kam, waren die Leute höflich. Nur einmal, in Namibia, geriet die Gelassenheit ins Wanken: Wegen eines Visa-Missverständnisses drohten ihm und zwei weiteren deutschen Wandergesellen 2011 Gefängnis. Das Trio musste das Land vorzeitig verlassen. Wo war es am schönsten? Das kann er gar nicht beantworten: Es sei atemberaubend gewesen, die Polarlichter in Norwegen zu sehen ebenso wie die sich spiegelnden Gebirgsketten in den klaren Seen Kanadas. Viel hat er erlebt und interessante Eindrücke gewonnen – „aber jetzt ist es Zeit, einen neuen Abschnitt in meinem Leben zu beginnen“, heißt es im Einladungsschreiben an seine Gäste. Michael Vahder meldet sich hiermit in Kiel wieder „einheimisch.“

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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