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„Die wollen nur Geld verdienen“

Mieter Insterburger Straße „Die wollen nur Geld verdienen“

Auf die Barrikaden gehen sie schon lange nicht mehr, die Mieter aus der Insterburger Straße. Warum auch? Dass ihre Wohnungen wieder mal den Eigentümer gewechselt haben und nun der Deutsche Wohnen AG gehören, ist schließlich Routine.

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Helmut Wulf kann sich noch daran erinnern, dass auf dieser Anlage mal Kinder spielten. Doch das ist lange her.

Quelle: Martin Geist

Kiel. Und auch die damit verbundenen Befürchtungen halten sich in den üblichen Grenzen. Wahrscheinlich wird es eher wieder einen Tick schlechter, aber immer noch irgendwie erträglich.

Helmut Wulf ist nicht nur Mieter in der Insterburger Straße, sondern arbeitete bis zu seinem 65. Geburtstag dort auch als Hausmeister. Als er 1982 begann, waren sie noch zu neunt im Hausmeister-Team der Kieler Werkswohnungen. „Es war alles im besten Zustand“, erinnert sich Wulf an gepflegte Grünanlagen, saubere Spielplätze und einladende Treppenhäuser. Gerade noch fünf Hausmeister gab es, als Wulf vor zehn Jahren in Rente ging. Heute ist kein fester Kümmerer mehr da, stattdessen nur noch nach Bedarf eingesetzte Dienstleister.

Die Geschichte ist kein Einzelfall

Auf dem Kieler Ostufer machen viele Quartiere eine solche Geschichte durch. Gebaut wurden die Anlagen einst, um Arbeiter an ihre Betriebe zu binden. Doch mit der Zeit wandelten sie sich zu reinen Investments. In der Insterburger Straße wurde aus den der Werft angegliederten Kieler Werkswohnungen die KIV, dann kam die Preussag, dann war der Tourismus-Konzern TUI am Ruder, ebenso die Sparkassen-Tochter Deutsche Anlagen Leasing, der US-Fonds Babcock & Brown, Privatinvestor Wolfgang Barg und die Kristensen Real Estate GmbH, die nun von der Deutsche Wohnen AG geschluckt wurde. Die Deutsche Wohnen AG ihrerseits ist wiederum ein Übernahmekandidat der Vonovia, hinter der die Unternehmen Gagfah und Deutsche Annington stehen und die auch die Bestände der ehemals kommunalen Kieler Wohnungsbaugesellschaft (KWG) umfasst.

Irritationen auch beim Mieterverein

Alles klar? Selbst Fachleute wie Heidrun Clausen vom Kieler Mieterverein zeigen sich irritiert. Durch die zunehmend verschachtelten Firmenkonstrukte entstehe „immer mehr Intransparenz“, und wahrscheinlich sei genau das die Absicht, kritisiert sie. Auch dass Wohnungen mittlerweile gehandelt werden wie Kartoffeln, trifft auf Argwohn: „Nach jedem Weiterverkauf stellt man im Nachhinein fest, dass die Vermieter nicht am langfristigen Erhalt ihrer Bestände interessiert sind.“

„Die wollen nur Geld verdienen“, meint Joachim Dehncke fast schon resigniert und ärgert sich dennoch. Er und viele anderen Nachbarn wären sogar bereit, mehr Miete zu zahlen, wenn der Eigentümer mehr für die Bestandspflege tun würden. Aber so etwas sei heutzutage wohl uninteressant: „Immobilien sind bloß noch ein Spielball des Investments.“

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