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Langes Warten auf ein Taxi

Mindestlohn-Bilanz Langes Warten auf ein Taxi

Als der Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde 2015 eingeführt wurde, schlug das Taxi-Gewerbe Alarm. Der Landesverband für das Taxi- und Mietwagengewerbe fürchtete das Aus für viele Unternehmen. Ganz so dramatisch fällt seine Bilanz nach einem Jahr auch wegen drastisch gesunkener Dieselpreise aber nicht aus.

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Verbandschef Thomas Krotz, auch Geschäftsführer des Unternehmens Taxi Kiel mit 130 Fahrzeugen, kommentiert die Lage mit Begriffen aus der Branche: „Es gab Beulen, aber keine Totalschäden.“

Quelle: Frank Peter

Kiel. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums blieb die Zahl der Taxikonzessionen stabil. Fakt aber ist: Da es weniger Fahrer und Wagen gibt, müssen Kunden unter der Woche abends schon mal länger auf einen Wagen warten.

 Verbandschef Thomas Krotz, auch Geschäftsführer des Unternehmens Taxi Kiel mit 130 Fahrzeugen, kommentiert die Lage mit Begriffen aus der Branche: „Es gab Beulen, aber keine Totalschäden.“ Die Betriebe hätten reagiert und sich angepasst. Das führte nach seinen Angaben dazu, dass so mancher Unternehmer, statt mehrere Wagen mit Personal vorzuhalten, umschwenkte und nur noch ein Auto selbst steuert – und das auch „mit dem Recht auf Selbstausbeutung“ für weniger als 8,50 Euro die Stunde.

 Eine weitere Beobachtung: Manche Unternehmer zogen die Reißleine und stiegen auf das Mietwagengeschäft um. Das bedeutet zwar Steuernachteile und Rückkehrpflicht, doch anders als beim öffentlichen Verkehrsmittel Taxi gibt es eben auch keine Beförderungspflicht. Vor allem die Minijobber, die während der Zeiten mit schwacher Auslastung als Aushilfen einsprangen, hatten wegen des Mindestlohns das Nachsehen: Laut Krotz verloren etwa 2000 von ihnen bundesweit ihre Jobs. Der Verband schätzt, dass etwa zehn Prozent der Betriebe landesweit im Laufe des Jahres 2015 dicht gemacht haben. Ob daran jedoch immer der Mindestlohn schuld war, bleibt offen.

Nidriger Spritpreis, hohe Lohnkosten

 Niedrige Spritpreise hätten die Lage zwar entspannt, doch nicht wesentlich, sagt Krotz. Für die Unternehmen schlagen vor allem die Lohnkosten bis zu 55 Prozent zu Buche. Dazu kommen steigende Versicherungen und Steuern. Das schleswig-holsteinische Wirtschaftsministerium vermeldet weder in den kreisfreien Städten wie Kiel als auch im ländlichen Raum (Dithmarschen oder Nordfriesland) gegenüber den Vorjahren gravierende Veränderungen. Mancher Taxibetrieb sei wegen der Beförderung der Flüchtlinge gefragter denn je, heißt es sogar.

 Aber auch die Behörde musste einräumen, dass es vor allem von Montag- bis Donnerstagabend schwieriger wird, ein Taxi zu bekommen. Das gilt laut Krotz vor allem außerhalb der Städte: Im Kieler Umland gebe es bereits immer mehr Beschwerden wegen langer Wartezeiten. Der Flintbeker Taxiunternehmer Rohwer schränkte die Arbeitszeiten der fünf Festangestellten und fünf Aushilfen ein, um kostendeckend arbeiten zu können. Zwischen 20 Uhr und 6 Uhr kam das Taxi seit April nur noch, wenn es vorher bestellt wurde. Doch der Engpass in der Flintbeker Taxi-Versorgung ist vorbei: Das Unternehmen fährt „dank der guten Auftragslage“ jetzt wieder rund um die Uhr.

Taxipreis wurde angehoben

 Kreise und Städte hatten im vergangenen Jahr die Taxitarife angehoben, um der Einführung des Mindestlohns Rechnung zu tragen. Mit einem Plus von 18 Prozent ist man aus Sicht der Stadt Kiel der Branche sogar sehr weit entgegengekommen. Die etwa 290 Taxen in der Landeshauptstadt fahren jetzt mit einem Grundpreis von 3,10 Euro statt bisher 2,60 Euro. Dem Taxi-Verband reicht die Erhöhung jedoch nicht aus.

 Für weitere Einsparungen sieht Krotz, der den Ball bei der Politik sieht und weiterhin Druck machen will, angesichts des jahrzehntelangen strukturellen Defizits keinen Spielraum mehr. „Man darf das Gewerbe nicht zwischen zwei juristischen Mühlsteinen – dem Mindestlohn und der Beförderungspflicht – zerquetschen. Man kann doch niemanden zwingen, unwirtschaftlich zu arbeiten“, warnt er. Wenn die Politik die Preise bezahlbar halten wolle, müsse sie das Gewerbe wie den öffentlichen Personenahverkehr subventionieren.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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