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Die Fehler der Behörden

Missbrauchsfälle in Kiel Die Fehler der Behörden

Nach dem sexuellen Missbrauch einer Siebenjährigen in Kiel-Gaarden am Sonntag hat Sozialdezernent Gerwin Stöcken Versäumnisse der Behörden eingeräumt. „Wir hätten dem Mädchen eine schreckliche Erfahrung ersparen können“, sagte er am Donnerstag im Rathaus.

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Pressekonferenz Gerwin Stöcken, Sozialdezernent der Stadt Kiel Gerwin Stöcken spricht zu den Medienvertretern.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Am 18. Januar habe die Stadt von der Polizei erfahren, dass gegen den Tatverdächtigen wegen des sexuellen Missbrauchs einer Fünfjährigen in einem Kindergarten am 6. Januar ermittelt werde. Von einem Fehler wollte Stöcken nicht sprechen. Sozialpsychiatrischer Dienst des Gesundheitsamts, Polizei und Staatsanwaltschaft – alle hätten eingreifen können, sagte Stöcken. „Man kann sich einen Schuldigen aussuchen.“ Der Dezernent sagte mit Blick auf den 18. Januar: „An der Stelle wäre eine Ausfahrt gewesen, die alle hätten nehmen können.“ Die Staatsanwaltschaft sah aber weiterhin keine ausreichenden Haftgründe. Ein psychiatrisches Gutachten wurde nicht eingeholt. Am Sonntag wurde dann die Siebenjährige missbraucht.

Keine Polizeischelte

Oberstaatsanwalt Axel Bieler erklärte, die Mutter des Verdächtigen habe die Polizei am 18. Januar um Einweisung ihres Sohnes in eine Klinik gebeten. Die Nachfrage der Polizei, ob sie eine Gefahr für Dritte sehe, habe sie verneint. Das stellt die Mutter anders dar. Er wolle „keine Polizeischelte“ betreiben, erklärte Stöcken. Was denn die Stadt zwischen dem 18. und dem 31. Januar unternommen habe, wurde er auf der Pressekonferenz gefragt. Man habe den 30-Jährigen für den 26. Januar eingeladen. Schon mehrfach zuvor hatte der allerdings solche Termine ignoriert. Zudem habe man dem Mann für Freitag einen Hausbesuch angekündigt.„Da war es schon zu spät“, sagte Stöcken sichtlich bewegt.

Der Stadtrat bestätigte in vollem Umfang die Berichte der Kieler Nachrichten. Auch die Aussage der Mutter, dass es bereits am 12. Januar einen Kontakt zwischen Polizei und der Sachbearbeiterin im Amt gegeben habe. Es sei ein „ganz kurzes Telefonat“ gewesen, geführt im Beisein der Mutter des 30-Jährigen und mit ihrem Handy. Dabei habe der Polizist nur gefragt, ob das Amt den Sohn kenne und erklärt, dass man ihn suche. Bereits „in den Tagen nach dem 6. Januar“ habe die Ex-Partnerin des Verdächtigen der Polizei mitgeteilt, dass der 30-Jährige unter einer psychischen Erkrankung leide, sagte Bieler. Die Mutter hatte den KN gesagt, sie habe der Polizei am 12. Januar wirre SMS-Nachrichten ihres Sohnes gezeigt. Stöcken bestätigte, die Frau habe dem Amt am 11. Januar erklärt, sie habe Angst um ihren Sohn und Angst vor ihm. Noch früher, am 5. Januar, habe die Frau gesagt, ihr Sohn habe wieder Wahnvorstellungen. Dies habe 2014 zu einer Klinikeinweisung geführt, so Stadtrat Stöcken. Die Sachbearbeiterin des Falles bezeichnet er als sehr erfahren.

In Kiel Gaarden wurde eine Siebenjährige verschleppt und missbraucht. Hier sehen Sie Bilder von der Schule.

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In 1000 Fällen pro Jahr prüfe man eine Zwangseinweisung wegen Selbst- oder Fremdgefährdung, sagte der Dezernent, 1000 Mal klappe die Zusammenarbeit der Behörden. In diesem Fall nicht. Er könne verstehen, dass sich die Mutter alleingelassen fühle, sagte Stöcken: „Ich bedauere den Vorgang zutiefst.“ Einen Grund für personelle Konsequenzen sehe er nicht.

Strafrechtsexpertin wirft Staatsanwaltschaft Versagen vor

Die Kieler Strafrechtsexpertin Prof. Monika Frommel hat der Staatsanwaltschaft im Fall des Missbrauchs in Gaarden schwere Fehler vorgeworfen. Ihrer Ansicht nach hätte der Beschuldigte nach seiner ersten Festnahme am 6. Januar nicht wieder auf freien Fuß kommen dürfen. Die Wiederholungsgefahr habe „auf der Hand gelegen“. Die Staatsanwaltschaft sei entweder „unfähig“ oder sie habe „nach Aktenlage entschieden“. Bei der Bewertung des Falles hätten „alle Alarmglocken angehen müssen“. Oberstaatsanwalt Axel Bieler wies die Anschuldigungen scharf zurück. Für einen Haftbefehl habe es keine Gründe gegeben. Der Kieler Ex-Bundesjustizminister Edzard Schmidt-Jortzig sagte: „Ich würde dazu raten, im Zweifel zugunsten der potenziellen Opfer zu entscheiden.“

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Ein Artikel von
Christian Longardt
Chefredakteur

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Am Tag vier nach Bekanntwerden der beiden schrecklichen Missbrauchsfälle in Gaarden verdichtet sich das Bild vielfachen behördlichen Versagens noch einmal. Es ist der Satz von Sozialdezernent Gerwin Stöcken, der einem erneut einen Schauer über den Rücken jagt.

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