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„Wir hätten aufmerksam sein müssen“

Gaardener Fälle „Wir hätten aufmerksam sein müssen“

Die Polizei schweigt, Kiels Sozialdezernent Gerwin Stöcken macht reinen Tisch. Schwer wiegen die Vorwürfe der Mutter des mutmaßlichen zweifachen Sexualstraftäters: Immer wieder habe sie die Behörden – die Polizei, das städtische Gesundheitsamt, das Zentrum für Integrative Psychiatrie – vor ihrem Sohn gewarnt und um Hilfe gebeten. Vergeblich.

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Awo-Kinderhaus Gustav-Schatz-Hof in Kiel: Nach bisherigen Ermittlungen soll der 30-Jährige ein fünfjähriges Mädchen auf einer Toilette missbraucht haben.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Am Donnerstagnachmittag räumt Stöcken in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz ein: „Ich kann verstehen, dass sich die Mutter von der Stadt allein gelassen fühlt.“ Mehr noch: „Wir hätten dem siebenjährigen Mädchen eine schreckliche Erfahrung ersparen können.“

 Der Auftritt vor laufenden Kameras und die drängenden Fragen der Journalisten nagen sichtlich an dem erfahrenen Dezernenten. Immer wieder geht sein Blick in die Akte des 30-Jährigen und auf die als „vertraulich“ gekennzeichnete Stellungnahme des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes. Die Aussagen der Mutter des Verdächtigen in den Kieler Nachrichten lässt er unwidersprochen stehen. Keine Beschwichtigungen, kein Infragestellen. „Erstmals hatte unsere Fachabteilung 2009 mit dem jungen Mann zu tun, der durch ungehemmte Aggressivität in der Schule auffällig geworden war“, sagt Stöcken. Hilfe sei angeboten worden. Anschließend habe man nichts mehr von dem Mann gehört. 2013 habe es einen neuen Kontakt gegeben: Psychisch habe der Patient erheblich unter der Trennung von seiner Frau gelitten. „Im Sommer 2014 kam es zu einer Zuspitzung. Um eine Selbstgefährdung auszuschließen, wurde eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie in Heiligenhafen veranlasst“, berichtet der Sozialdezernent. Mehrere Wochen sei der Mann dort gewesen. Seither habe man nichts mehr von ihm gehört.

 Keine Auffälligkeiten – bis zum Hilferuf der Mutter am 5. Januar. „Sie sagte, er habe seine Tabletten abgesetzt, über Gott fantasiert, sei in Wahnvorstellungen abgeglitten“, fasst Stöcken zusammen. So steht es in der Akte. Das Gesundheitsamt habe daraufhin getan, was es in solchen Situationen immer tue: „Wir haben den Mann zu einem Gespräch zu uns eingeladen.“ Zu dem Treffen sei der 30-Jährige nicht erschienen.

 Stöcken bestätigt, dass ein Polizist laut Aktennotiz am 12. Januar bei der Sachbearbeiterin angerufen habe. Der Stadtmitarbeiter spricht von einem sehr kurzen Telefonat. Ein weiteres Gespräch sucht die Polizei nicht. „Am 18. Januar teilt die Polizei uns mit, dass im Fall des missbrauchten fünfjährigen Mädchens gegen den Mann ermittelt werde. Auch die neue Meldeadresse wird uns mitgeteilt“, erläutert Stöcken. Dem Gesundheitsamt sei es seither nicht gelungen, mit dem 30-Jährigen in Kontakt zu treten. „Nur zur Mutter hatten wir Kontakt, die uns mitteilte, dass es ihrem Sohn sehr schlecht ginge.“

 Der Dezernent räumt einen Fehler im Zusammenspiel der Behörden ein, ohne von einem Fehler sprechen zu wollen. „An dieser Stelle, am 18. Januar, hätten wir alle sehr aufmerksam sein müssen. An diesem Tag hätte eine Maschinerie losgehen können.“ Offenkundig sei zu diesem Zeitpunkt eine Gefahr von dem 30-Jährigen ausgegangen. „Es wäre hilfreich gewesen, wenn wir frühzeitig informiert worden wären“, sagt Stöcken. Eine Journalistin will wissen, weshalb die Schulen und Kindergärten in Gaarden nicht über den Vorfall am 6. Januar informiert wurden. „Auf diese Frage bin ich nicht vorbereitet“, sagt Stöcken. „Das muss die Polizei beantworten.“

 Die Kieler Staatsanwaltschaft bestätigt am Abend, dass die Polizei bereits kurz nach der ersten Missbrauchstat Kenntnis über die psychische Erkrankung des Mannes erhalten hatte. Weshalb die Ermittler nicht schon viel früher das Gesundheitsamt informierten, bleibt offen. Die Polizei schweigt.

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Ein Artikel von
Bastian Modrow
Lokalredaktion Kiel/SH

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Am Tag vier nach Bekanntwerden der beiden schrecklichen Missbrauchsfälle in Gaarden verdichtet sich das Bild vielfachen behördlichen Versagens noch einmal. Es ist der Satz von Sozialdezernent Gerwin Stöcken, der einem erneut einen Schauer über den Rücken jagt.

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