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Studium mit Fingerspitzengefühl

FH Kiel Studium mit Fingerspitzengefühl

Das Büffeln in den Hörsälen von Universitäten und Fachhochschulen soll jungen Menschen den Weg in ihre berufliche Zukunft ermöglichen. Doch was, wenn der eigene Körper diesen Weg mit Stolpersteinen pflastert? Wenn eine Behinderung oder chronische Krankheit es erschwert, die Nase in Bücher zu stecken oder den Ausführungen des Dozenten problemlos folgen zu können?

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Der Gang über den Campus der FH Kiel mit Blindenführhündin Bella ist für Janine Alltag.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Wenn Janine Meyer zu ihren Kursen an der Fachhochschule Kiel aufbricht, tut sie das nie allein. An ihrer Seite tapst Bella an den roten Backsteingebäuden vorbei. Denn Bella ist für die 25-Jährige mehr als eine Begleiterin – der schwarze Labradormischling ist Navigationshilfe und Warnsystem, das die sehbehinderte Studentin sicher durch den Alltag führt.

 Seit drei Jahren ist Janine Meyer an der Fachhochschule eingeschrieben, zunächst für Wirtschaftsinformatik, nun im Bereich Soziale Arbeit. Wenn die gebürtige Lübeckerin im Hörsaal sitzt, hat sie keine genauen Vorstellungen, ob ihr Sitznachbar kurze oder längere Haare hat und wie seine Gesichtszüge geschnitten sind. „Das Aussehen ist mir egal“, sagt Janine. Was für sie zählt, ist die Stimme. An ihr erkennt sie Freunde, Kommilitonen und Dozenten.

 Im Alter von etwa 14 oder 15 Jahren verlor die damals Jugendliche durch den Grünen Star ihr Augenlicht. So genau kann Janine das gar nicht mehr sagen. Dass ihre Welt aus hell und dunkel besteht, ist zur Routine geworden. Auch einige Farben kann die junge Frau noch erkennen.

 Das Sehen haben für Janine ihre Fingerspitzen übernommen. Nur sechs Monate hat die junge Frau nach dem Verlust ihrer Sehkraft gebraucht, um die Brailleschrift, die sogenannte Blindenschrift, lesen zu lernen und aus den kleinen, in Papier gestanzten Erhebungen Worte und Sätze zu bilden. Seit Jahresbeginn besteht für die Studentin auch die Möglichkeit, sich Kursunterlagen an der FH in Brailleschrift auszudrucken. Texte können entweder eingescannt oder direkt am Computer eingegeben und dann mithilfe eines Computerprogramms in Blindenschrift „übersetzt“ werden. „Mit dieser Technik verfügt die Fachhochschule über eine der modernsten Ausstattungen in ganz Schleswig-Holstein“, sagt die Beauftragte für Studierende mit Behinderung und/oder chronischer Krankheit der FH Kiel, Prof. Roswitha Pioch.

 Gerade in mathematischen Studienrichtungen erleichtere die technische Innovation sehbehinderten Studenten das Verfolgen der Vorlesungen. Zwar können sie den Präsentationen des Dozenten per Sprachausgabe folgen, bei denen die auf den Folien angezeigten Inhalte über Kopfhörer erläutert werden, doch selbst das beste Sprachausgabe-Programm scheitert, wenn es darum geht, komplizierte mathematische Formeln oder Diagramme in Worte zu fassen. Sich alle Lernunterlagen für ihren Studiengang der Sozialen Arbeit ausdrucken zu lassen, wäre für Janine Meyer jedoch viel zu aufwendig. Ihr wichtigstes Hilfsmittel zum Pauken ist ihr Laptop. Auf ihm macht sie sich in der Vorlesung Notizen, während Bella unter den Sitzen der Stuhlreihen ein Nickerchen hält. Daheim kann sie sich den Stoff anhören.

 Es sei alles eine Frage der Gewöhnung, sagt die 25-Jährige. Ab und an erhält Janine zu Hause Unterstützung von einem Assistenten, der Texte am PC in Brailleschrift umwandelt. Und auch abseits des Büffelns führt Janine das normale Leben einer jungen Studentin. Sie ist Mitglied in verschiedenen Lerngruppen, geht gern schwimmen und ins Kino. „Dafür gibt es jetzt eine App, die während des Films die Bilder auf der Leinwand beschreibt“, sagt sie. Nur das Lesen von Büchern in Brailleschrift sei oft zu anstrengend und zeitaufwendig, da greife sie lieber auf ein Hörbuch zurück.

 Nach ihrem Studium möchte Janine eine beratende Tätigkeit ausüben. Ein Praktikum beim Pflegestützpunkt in Lübeck hat sie erst im Frühjahr absolviert. Doch zunächst muss Janine den Abschluss schaffen, in einem Jahr ist es soweit. Und dabei gilt für die junge Frau das selbe Motto wie für jeden anderen Studenten auch: „Hauptsache bestanden!“

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Ein Artikel von
Susann Burwitz
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