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Plagegeister aus der Luft

Möwen in Kiel Plagegeister aus der Luft

Sie sind fliegende Wahrzeichen des Nordens, aber jetzt fühlen sich vor allem Innenstadtkaufleute und Gastronomen von den vielen Möwen mächtig genervt. Sie klagen über Belästigungen von Gästen durch gierige Schnäbel oder den fast aussichtslosen Kampf gegen den Möwenschiet auf Fensterscheiben oder Gehwegen. Die Stadt kann den Ärger zwar verstehen, aber aus ihrer Sicht kaum etwas gegen den Möwenalarm unternehmen.

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Es werden tatsächlich immer mehr: So wie hier am Bootshafen haben Möwen die Lufthoheit über Kiel. Die Beschwerden häufen sich.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel.  Der Betreiber eines Cafés, der seinen Namen „besser nicht“ nennen möchte, kann das Wort Möwe schon nicht mehr hören. Täglich müssten er und seine Mitarbeiter vor der Öffnung mindestens eine Stunde lang Scheiben, Stühle oder Tische von den Hinterlassenschaften der Tiere säubern. Die langen Nadelreihen an den Dachkanten hielten die Möwen zwar vom Gebäude fern, schützten aber trotzdem nicht vor ihrem Dreck. „Denn wir sind von Flachdächern umgeben, auf denen die Möwen nisten, und liegen genau in ihrer Einflugschneise.“ Viele Gäste seien auch aufgrund von Belästigungen der stets hungrigen Vögel mit den kräftigen Schnäbeln ausgeblieben.

 Caliskan Sabit vom Imbiss Fisch Maxx ist auf Möwen genau so schlecht zu sprechen. „Die haben hier nichts zu suchen“, schimpft er, „ich bin richtig genervt.“ Seine Gäste haben an ihren Tischen oft unfreiwillig frechen Besuch. Besonders die handlichen Calamari-Ringe hätten es den Tieren angetan und landeten in ihren Schnäbeln. Von der Stadt fühlt sich der Betreiber allein gelassen: „Bei wem soll man sich denn da beschweren?“

 Darüber rätselt auch Tim Kleinfeld, Geschäftsführer des Juweliergeschäfts Mahlberg in der Holstenstraße. „Wir werden wohl einen Kammerjäger engagieren müssen, denn die Stadt kann da offenbar nichts machen. Aber so wie es jetzt ist, kann das nicht weitergehen mit dem ganzen Dreck hier. Überall diese weißen Flecken, furchtbar.“

 Solche Schietflecken in großer Zahl sind kein Zufall. Nach Schätzungen der Ornitholigischen Arbeitsgemeinschaft (OAG) Schleswig-Holstein leben derzeit allein in Kiel bis zu 1000 Möwenpaare fünf verschiedener Arten. Der subjektive Eindruck, dass es von Jahr zu Jahr mehr werden, bestätigt der fachliche Leiter der OAG, Bernd Koop: „Aktuelle Zahlen für dieses Jahr liegen zwar noch nicht vor. Aber seit mehr als zehn Jahren beobachten wir Steigerungsraten in den Städten, weil die Tiere auf den intensiver genutzten landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr genug Nahrung finden.“

 Vor allem in Städten am Meer mit vielen Besuchern fühlten sich die Möwen nach Beobachtung des Vogelkundlers aufgrund des reichen Nahrungsangebots wohl – hauptsächlich verursacht durch Fütterungen von Touristen. „Für viele von ihnen sind Möwen einfach eine fotogene Attraktion, die sie durch Füttern von Pommes oder Brot aus der Nähe betrachten möchten.“

 Doch nicht nur Möwen freuen sich über den reich gedeckten Nahrungstisch, sondern auch Ratten, Marder und Füchse. „Diese Tiere sind ebenfalls in den Küstenstädten auf dem Vormarsch, machen auch Jagd auf Möwengelege mit den nahrhaften Eiern“, erklärt Koop. Folge: Möwen flüchteten vor ihren natürlichen Feinden vor allem auf Flachdächer in den Städten und gingen ihrerseits auf Nahrungssuche.

 Deren nervige Folgen kann der Kieler Ordnungsamtsleiter Frank Festersen zwar gut verstehen, sieht aber keine Möglichkeit, gegen die Belästigungen etwas zu unternehmen. Die Vertreibung (Fachbegriff: Vergrämung) von Möwen durch Knallgeräusche, Netze oder Nadelstreifen an Dachkanten seien grundsätzlich zwar möglich, oft aber nicht nachhaltig. „Denn die Tiere sind alles andere als dumm.“ Außerdem sei die Vergrämung laut Jagd- und Naturschutzgesetz vom 1. März bis 30. September verboten. Grund: Rücksicht auf die unterschiedlichen Brutzeiten der Arten, Partnerwahl, Balz, Nestbau sowie Aufzucht von Jungtieren.

 Festersen erinnert sich sogar an einen Angriff auf einen Passanten im vergangenen Jahr. Ob und wie schwer der Mann verletzt wurde, wisse er nicht. Öfter meldeten sich bei ihm Anwohner, die sich von renitenten Vögeln auf ihrem Balkon oder im Garten gestört fühlen. Gäben zudringliche Plagegeister absolut keine Ruhe, werde die untere Jagdbehörde informiert. Deren Jäger dürfen einige der Möwen abschießen, aber nur im Winterhalbjahr und nur die am häufigsten vertretenen Silbermöwen. Alle anderen Arten seien laut Beschluss des Umweltministeriums vor Abschuss geschützt. Von Oktober 2014 bis Februar dieses Jahres wurden fünf der Vögel erlegt, angesichts der Gesamtpopulation eine überschaubare Zahl.

 Die Fütterung von Möwen ist laut Satzung der Stadt zwar verboten und kann bei Wiederholung nach einer ersten Ermahnung durch Ordnungskräfte sogar mit bis zu 1000 Euro Geldbuße belegt werden. Vorgekommen sei das aber bislang noch nie. Für Vogelkundler Bernd Koop bleibt angesichts der Rechtslage nur eines: Gelassenheit und konsequenter Verzicht aufs Möwen-Füttern. „Schleswig-Holstein ist nun einmal Möwenland.“

Von Julia Carstens und Jürgen Küppers

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