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Albert-Jan Pool, der Kieler Schriftgelehrte

Muthesius Kunsthochschule Albert-Jan Pool, der Kieler Schriftgelehrte

Seine Buchsstaben kennt jeder: Albert-Jan Pool, der an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel unterrichtet, erneuerte die DIN-Schrift. Am liebsten würde er alle Verkehrsschilder neu designen.

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Der niederländische Schriftgestalter, Typograf und Grafikdesigner Albert-Jan Pool hat die Din-Schrift revolutioniert.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Jeden Freitag bekommt Kiel fast unbemerkt ziemlich berühmten Besuch. Schon frühmorgens setzt sich Albert-Jan Pool in Hamburg in den Zug und fährt in die Landeshauptstadt. Der gebürtige Holländer ist so etwas wie ein Schriftpapst. Vor einige Jahren hat sich der 56-Jährige einer Schrift angenommen, die jeder von uns kennt und die auf allen deutschen Verkehrsschildern prangt. Aus dieser Din-Schrift hat er eine neue Schrift, die FF Din, entwickelt und ist damit ziemlich schnell in den Designer-Olymp aufgestiegen. In der Werbung von etlichen großen Unternehmen ist inzwischen die „Pool-Schrift“ zu sehen. Jeden Freitag gibt er an der Kieler Muthesius-Kunsthochschule nun sein Wissen weiter.

 Albert-Jan Pool (der Nachname wird übrigens wie „Pol“ ausgesprochen) ist ein ziemlich unkomplizierter Typ. Locker plaudert er zwischen Studenten und Tafel von seiner ungewöhnlichen Laufbahn und erzählt erst einmal von seiner Grundschulzeit. „Schreiben war nie mein Ding“, sagt er. „Ich war noch in der vierten Klasse so schlecht, dass ich jeden Mittwoch in die Förderstunde musste.“ So quälte er sich durch den richtigen Schwung vom „k“ oder vom „r“ und fand alles überflüssig. Das änderte sich erst mit dem Grafikdesign-Studium an der Königlichen Akademie in Den Haag. „Dort hat mich mein Dozent, Gerrit Noordzij, enorm begeistert“, erzählt er. „Und ich lernte: Schrift kommt von schreiben.“

"Zeichnen konnte ich noch nie gut"

 Nur leider gehörten auch Fächer zum Studium, die Albert-Jan Pool eher lästig fand, wie Illustration. „Zeichnen konnte ich noch nie gut“, sagt er. Aber die Liebe zu den Buchstaben war entfacht. Also schmiss er irgendwann das Studium und begann von da an seine Laufbahn als Schriftgestalter, Typograf und Grafikdesigner in Deutschland. „Da konnte ich mich wunderbar austoben und war den ganzen Tag nur mit Buchstaben beschäftigt. Wunderbar!“ Lachend zeigt er auf sein T-Shirt, auf dem 61-mal ein „a“ zu sehen ist – immer in einem anderen Schrifttyp. 60000 verschiedene Arten, das „a“ zu schreiben, gibt es im Designer-Himmel. Das gilt genauso oft für jeden Buchstaben. Für den Laien völlig unglaublich. Aber Albert-Jan Pool hat sein Leben so der Schrift gewidmet, dass er vermutlich jetzt alle an die Tafel malen könnte.

 Aber dafür reicht die Zeit nicht. Denn jetzt wollen wir endlich wissen, was es denn nun mit den Verkehrsschildern auf sich hat. Doch da muss der „Lehrbeauftragte für Schriftgestaltung“ etwas ausholen. „Auf einem Kongress der ,Schrifties’ in San Francisco traf ich Erik Spiekermann, einen der ganz großen Grafikdesigner, und der wollte es mir schmackhaft machen, für seine gerade gegründete Firma FontShop die Din-Schrift neu zu gestalten“, erzählt Albert-Jan Pool. „Als ich zögerte, sagte er nur: ,Wenn Du reich werden willst, dann mach’ aus der Din-Schrift eine vernünftige Schriftfamilie.’“ Gesagt, getan. „Die Din-Schrift ist ein Produkt von Ingenieuren. Sehr holperig und dilettantisch. Und es gab nur zwei Arten: ein normaler Schnitt und ein schmaler Schnitt, der auf jedem Autobahn-Schild zu sehen ist. Ein Grafikdesigner kann damit nicht viel anfangen.“ Also setzte sich Albert-Jan Pool an seinen Computer und legte los.

Din-Schrift war der Abschaum

 „Gefühlt hatte ich mich aber, als hätte ich gerade meine Seele an den Teufel verkauft. Denn die Din-Schrift war in Fachkreisen eher der Abschaum. Niemand wollte damit arbeiten“, so Pool. Doch er brütete, entwarf, verwarf und formulierte die zweite Maxime seines Lebens: Schrift kommt nicht nur vom Schreiben. „Auf den Autobahnen hätte ich am liebsten die Augen verschlossen, wenn ich die Din-Buchstaben sah. Aber irgendwann sah ich auch die Schönheit in den ungehobelten Zeichen.“ Fünf Schnitte kamen letztendlich aus seinen monatelangen Überlegungen heraus. Fünf Schnitte, die ihn in Fachkreisen berühmt machen sollten.

Natürlich hat Pool für die Gravur der Eheringe seine eigene Schrift gewählt. Das Erdgas-Schild verwendet ebenfalls die Din-Schrift.

Quelle:

 Einen Traum hätte er noch, sagt er zum Abschied, bevor er zum Zug Richtung Hamburg eilt: „Dass das Bundesverkehrsministerium bei mir anfragt, ob ich nicht die Din-Schrift der Verkehrsschilder überarbeiten möchte.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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