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Die Briten gehen als wahre Freunde

Nach 71 Jahren Die Briten gehen als wahre Freunde

Am Freitag geht ein bedeutendes Stück Zeitgeschichte des Nordens offiziell zu Ende. Nach 71 Jahren geben die britischen Streitkräfte ihren letzten Stützpunkt in Schleswig-Holstein auf. Das bedeutet auch das Ende des British Kiel Yacht Club in Friedrichsort und des dort beheimateten Kiel Training Centers.

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Der British Yacht Club war bis dato für das Rendevouz der Klassiker auf der Kieler Woche eine feste Anlaufstelle.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Sang- und klanglos soll der Abschied aber nicht ausfallen. Mit einem feierlichen Zapfenstreich vor dem Kieler Yacht Club sagen die britischen Soldaten der Landeshauptstadt endgültig bye bye.

 So eng und freundschaftlich wie heute war das Verhältnis zwischen Briten und Kielern zumindest am Anfang nicht. Im Mai 1945 konfiszierten die neuen Machthaber nicht nur wichtige Immobilien, Werftanlagen, U-Boote und Segeljachten. Sie richteten im Kieler Yacht Club auch ihre erste Kommandatur ein und tauften ihre Zentrale um in British Kiel Yacht Club (BKYC).

 Doch die segelbegeisterten Besatzer sorgten bereits im August 1945 dafür, dass die Stadt an der Förde mit der ersten Kieler Woche nach Ende des Krieges wieder an ihre maritime Tradition anknüpfen konnte – auch wenn Deutschen das Segeln noch bis 1946 verboten war. Ab 1952 erhielt der Kieler Yacht Club zwar wieder seinen Namen und sein Gebäude zurück, den British Kiel Yacht Club gab es trotzdem noch. Er bezog Anfang der 50er-Jahre sein neues Quartier in Friedrichsort am Nordufer des Plüschowhafens.

 Seitdem bilden die Briten dort etwa 1000 bis 1600 Soldaten pro Jahr nach einem sehr speziellen System aus, das sie „adventurous training“ nennen: eine Mischung aus Abenteuerurlaub, Kameradschaftsförderung und Angstbewältigungstraining in Form von Segel- und Tauchkursen, die bis zu zehn Tage dauern. „Wir glauben daran, dass man die Motivation der Soldaten in einer Berufsarmee hochhalten muss“, erklärt der Kommandant des Kiel Training Center, Major Adrian Pery: „Du musst ihnen etwas geben, was sie auch machen wollen.“

 Doch im Trainingscenter des BKYC wurden Soldaten nicht nur auf ihre Einsätze vorbereitet, sondern manchmal auch wieder aufgepäppelt. So kamen insbesondere während und nach dem zweiten Irak-Krieg 2003 viele Briten nach Kiel, um hier nach oftmals traumatischen Kampferfahrungen unter dem Motto „Segeln als Therapie“ wieder etwas zur Ruhe zu kommen.

 Die Aufgabe des Kieler Stützpunktes bedeutet aber nicht das Ende der speziellen Ausbildungsmethodik. So ziehen die Soldaten mit den 14 Segeljachten und den beiden Arbeitsbooten der Einheit bis Ende des Monats ins südenglische Gosport um. „Wir gehen mit dem Gefühl immenser Freundschaft, aber auch mit großer Traurigkeit“, kommentiert Major Pery den Abzug von Material und Soldaten aus Kiel nach 71 Jahren.

 Traurigkeit und Wehmut verursacht der Abschied auch auf deutscher Seite. „Mit dem Abzug der Briten verliert Deutschland ein wichtiges Stück Kultur“, sagt der KYC-Geschäftsführer Jörg Besch, der die Bedeutung dieser „wirklich gelebten Freundschaft“ mit Nachdruck betont. Schließlich hätten viele Tausend britische Soldaten nach ihrer Zeit in Kiel als Multiplikatoren gewirkt und wie Botschafter das Bild von Deutschland in ihrem Heimatland positiv mitgeprägt.

 Ganz ähnlich sieht das der britische Honorarkonsul in Kiel, Jann Petersen: „In 71 Jahren ist durch vielfältige gesellschaftliche und sportliche Kontakte eine außergewöhnliche Freundschaft gewachsen. Das habe ich stets als große Bereicherung empfunden.“ Ein Stück deutsch-britischer Geschichte bleibt Kiel offenbar erhalten. So soll die elegante Jacht Hermann Görings („Flamingo“) aus dem ehemaligen Bestand des BKYC künftig ihren Stammliegeplatz vor dem Kieler Yacht Club erhalten.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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