27 ° / 11 ° heiter

Navigation:
Umzug außer Kontrolle

Friesenhof Umzug außer Kontrolle

Bei der Schließung der umstrittenen Friesenhof-Jugendheime in Dithmarschen ist es am Mittwochabend zu dramatischen Zwischenfällen gekommen. Sechs der sieben betroffenen Mädchen versuchten nach Angaben des Sozialministeriums wegzulaufen.

Voriger Artikel
Auf dieses Wetter haben alle gewartet
Nächster Artikel
Die Bühne ist bereit für Franzi

 Im Zuge der Schließung des Friesenhofs (Foto) kam es zu dramatischen Szenen.

Quelle: Carsten Rehder/ dpa

Kiel. Sie wurden von der Polizei aufgehalten und den Betreuern vor Ort übergeben.

Zwei Mädchen stürzten zudem eine Glasvitrine um und verletzten sich mit den Scherben selbst so schwer, dass sie notärztlich behandelt werden mussten. Lebensgefahr habe nicht bestanden. „Die Vorfälle sind ein neuerlicher Beleg dafür, dass die pädagogische Betreuung in der Einrichtung unzureichend ist“, sagte Sabine Toffolo vom Landesjugendsozialamt.

Die näheren Motive der Mädchen seien unklar. Toffolo sprach von einer allgemeinen „psychischen Belastungssituation“.

Das Heim habe die Bewohnerinnen offenbar schlecht auf die Situation vorbereitet. Die Trägerin der Einrichtung, Barbara Janssen, wies die Vorwürfe zurück: „Die Mädchen waren im Bilde, die Koffer waren gepackt.“ Die heftigen Reaktionen seien damit zu erklären, dass die Mädchen grundsätzlich die Heimunterbringung ablehnen und nach Hause zurückkehren möchten. Dies sei ein grundsätzliches Verhaltensmuster. Janssen zeigte sich von den Vorfällen betroffen: „Etwas Schlimmeres habe ich noch nicht erlebt.“

Das Land hatte der Einrichtung nach einer Kontrolle am Mittwoch kurzfristig die Betriebserlaubnis für zwei Häuser entzogen. Die Gründe: Vor Ort fehle ausreichend qualifiziertes Personal. Daneben entsprächen die pädagogischen Methoden nicht den vereinbarten Auflagen des Landes. Zuvor waren Beschwerden der untergebrachten Mädchen und ehemaliger Betreuer bekannt geworden. Dabei ging es um mögliche Nacktkontrollen, Strafsysteme und diverse Verbote.

Insgesamt sieben Mädchen im Alter von 12 bis 16 Jahren wurden am Mittwochabend in Obhut genommen. Sie wurden zumeist in anderen Jugendheimen des Kreises Dithmarschen untergebracht. Ursprünglich war das Ministerium von zehn betroffenen Bewohnerinnen ausgegangen. Vor Ort habe man jedoch festgestellt, dass ein Mädchen bei seinen Eltern weilte und zwei weitere inzwischen aus dem Heim geflohen waren. Beide wurden von der Polizei inzwischen in anderen Heimen aufgegriffen.

Unterdessen gerät die Landesregierung als Verantwortliche für die Heimaufsicht zunehmend unter Druck. „Die Einrichtung hat eine lange Vorgeschichte. Es gab auch früher schon diverse Hinweise auf Probleme und Unregelmäßigkeiten“, sagte Sozialstaatssekretärin Anette Langner (SPD) am DOnnerstag. Erst die Beschwerden Ende 2014 hätten jedoch eine entsprechende „Qualität“ gehabt, um im Rahmen der Heimaufsicht durch das Landesjugendsozialamt die Betriebserlaubnis in Frage zu stellen. Langner sagte, sie habe derzeit keine Hinweise darauf, dass das Land früher hätte einschreiten müssen. Entsprechende Akten der vergangenen Jahre würden derzeit erneut geprüft. In der nächsten Woche muss das Sozialministerium in einer Sondersitzung des Sozialausschusses die Vorgänge erklären.

Die sozialpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Katja Rathje-Hoffmann, attackierte Anette Langner im Zusammenhang mit der Inobhutnahme: „Wenn die Aufsichtsbehörden rechtzeitig gehandelt hätten, wären die Mädchen auch besser vorbereitet worden.“ Besser wäre es ohnehin gewesen, die lange bekannten Mängel abzustellen und „den Mädchen den ganzen Stress der vergangenen Tage“ zu ersparen. Das Landesjugendamt bestätigte, dass sich mehrere Mädchen derzeit in schulischen Abschlussprüfungen befinden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Patrick Tiede
Redaktion Lokales Kiel/SH - Landeshaus-Korrespondent

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Events in Kiel

Veranstaltungen in Kiel
Aktuelle Termine, News, Infos.

Anzeige
Mehr zum Artikel
Friesenhof
Foto: Ein pädagogischer Mitarbeiter des Friesenhofs soll ein sexuelles Verhältnis mit einer Minderjährigen gehabt haben.

Scheibchenweise informiert das Sozialministerium über seinen Wissensstand im Fall „Friesenhof“. Jetzt wird bekannt: Bereits Mitte Januar wusste es von der Beziehung eines Betreuers mit einem minderjährigen Mädchen.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3