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Verband will Frühwarnsystem

Nach Missbrauchsfällen Verband will Frühwarnsystem

Nach den Missbrauchsfällen in Kiel-Gaarden machen Staatsanwaltschaft, Gesundheitsamt und Polizei Druck: Fälle wie der des 30-Jährigen, dessen Mutter immer wieder versuchte, die Behörden vor ihrem Sohn zu warnen, sollen sich nicht wiederholen.

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Fälle wie der des 30-Jährigen, dessen Mutter immer wieder versuchte, die Behörden vor ihrem Sohn zu warnen, sollen sich nicht wiederholen.

Quelle: Patrick Pleul/dpa

Kiel. „Wir arbeiten mit Hochdruck an neuen Handlungsleitlinien“, so Oberstaatsanwalt Axel Bieler. Der Verband der Angehörigen psychisch Kranker in Schleswig-Holstein drängt unterdessen auf ein landesweites Frühwarnsystem.

 „Häufig verlaufen psychische Erkrankungen episodisch, das heißt: Sie kehren wieder“, sagt Dr. Rüdiger Hannig, Landesvorsitzender des Verbandes. Angehörige und Freunde psychisch erkrankter Menschen würden Veränderungen meist unmittelbar bemerken, entsprechend groß sei ihr Wunsch, den Betroffenen zu helfen. „Der Fall der Mutter des 30-Jährigen ist allerdings alles andere als ein Einzelfall, wenn es um den Umgang mit Behörden geht“, kritisiert Hannig. Immer wieder müssten Angehörige „von Pontius zu Pilatus laufen“, ohne dass sie bei den entsprechenden Stellen Gehör finden. Der Fall des 30-Jährigen aus Gaarden sei allerdings besonders dramatisch: „Wären die Signale der Mutter gehört worden, hätte zumindest dem zweiten Opfer das Leid erspart werden können“, bekräftigt der Verbands-Chef und stellt Forderungen: „Wir brauchen in Schleswig-Holstein dringend ein flächendeckendes Frühwarnsystem der Behörden, in das auch Angehörige eingebunden werden müssen.“ Dazu müsse auch eine aufsuchende Hilfe gehören, sprich: geschulte Mitarbeiter der psychosozialen Dienste, die bei bestimmten Anzeichen oder Hinweisen den Betroffenen sofort zu Hause aufsuchen. „Das Schreiben von Briefen und Einladungen ist nicht effektiv“, betont Hannig und verweist auf entsprechende „Home Service“-Programme in England und Finnland.

 In Kiel soll jetzt ein erster Schritt gemacht werden. Nach den Missbrauchsfällen hatte die Leitende Oberstaatsanwältin Birgit Heß den Sozialdezernenten Gerwin Stöcken und Kiels Polizeichef Thomas Bauchrowitz zum Gespräch geladen, um die Kommunikation zwischen den beteiligten Behörden zu verbessern. „Mittlerweile ist eine Arbeitsgruppe eingerichtet worden und wir arbeiten an einem Entwurf für künftige Handlungsleitlinien, die der Polizei und dem Gesundheitsamt an die Hand gegeben werden sollen“, berichtet Oberstaatsanwalt Axel Bieler und kündigt eine zügige Umsetzung an. Details nennt er noch nicht. Sozialdezernent Stöcken rechnet damit, in vier bis sechs Wochen erste Ergebnisse vorstellen zu können: „Wir haben aus dem Vorfall gelernt.“

 Marret Bohn, sozialpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, spricht von einem ersten Schritt. „Psychosoziale Dienste, die die Betroffenen zu Hause aufsuchen, könnten ein weiterer Schritt sein“, betont Bohn. Hinweisen von Angehörigen müsse in jedem Fall nachgegangen werden. „Eines ist klar: Das, was in Kiel-Gaarden passiert ist, muss weitere Konsequenzen haben“, so die Grünen-Politikerin. Heiner Garg (FDP) spricht sich für das vom Verband der Angehörigen psychisch Kranker geforderte Frühwarnsystem aus: „Wenn so die Gefahr der Wiederholung reduziert werden kann, dann ist es allemal notwendig, dass sich die Fachleute mit diesem Vorschlag ernsthaft auseinandersetzen.“

 Laut SPD-Sozialpolitiker Bernd Heinemann findet zurzeit eine Erhebung der psychiatrischen Versorgung im Land statt. Ergebnisse sollen bis zum Sommer vorliegen. Ziel sei es, Versorgungsmaßnahmen zu verbessern. Auf Bundesebene werde bereits über die Erhöhung der Krankenhaus-Budgets verhandelt, um nach der stationären Versorgung der psychisch Kranken auch die ambulante Nachsorge ausweiten zu können, so Heinemann. Hier müssten dringend Lösungen her: „Die sozialpsychiatrischen Dienste werden leider häufig erst aktiv, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, so der SPD-Politiker.

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