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„Da wird mir sehr mulmig“

Nach Übergriffen „Da wird mir sehr mulmig“

Die Verunsicherung sitzt tief. Wer im Kieler Stadtteil Wik am Wochenende das Gespräch mit den Menschen suchte, der spürt sie fast in jedem Satz. Die Berichte über schwere Sexualstraftaten in ihrem Stadtteil haben die Wiker getroffen.

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Tatort Bushaltestelle: Am Elendsredder, hinter einem Stromkasten an der Straßenecke Wiker Straße und Feldstraße, sollen am Sonntag vergangener Woche drei Männer eine 20-Jährige bedrängt und versucht haben, ihrem Opfer die Kleidung auszuziehen. Durch massive Gegenwehr konnte die Frau Schlimmeres verhindern.

Quelle: Frank Behling

Kiel. Wie berichtet geht es um mindestens drei Fälle. Die Polizei prüft, ob es möglicherweise einen Zusammenhang gibt. Der jüngste Überfall auf eine 20-Jährige ereignete sich erst vor gut einer Woche an einem Sonntag. Vor allem die Frauen sorgen sich nun um ihre Sicherheit. Einige gehen nach Einbruch der Dunkelheit nur noch in Begleitung vor die Tür. Der Ruf nach Konsequenzen wird laut.

 Ob beim Bäcker, im Sonnenstudio, an der Bushaltestelle, in der Imbissbude – es gibt kaum ein anderes Gesprächsthema im Stadtteil. Der Zeugenaufruf der Polizei nach einem versuchten Sexualdelikt am vorvergangenen Sonntag, die Vergewaltigung einer Studentin vor einigen Wochen und die Hinweise auf einen weiteren Übergriff Anfang Januar bewegen die Menschen in dem Viertel. Dass alle drei Opfer unabhängig voneinander jedes Mal von drei männlichen Tätern gesprochen haben, „das sorgt nicht nur für Unwohlsein, da wird mir sehr mulmig zumute“, sagt eine Anwohnerin der Wiker Straße. Zum ersten Mal hörte sie vergangene Woche von einer Freundin Gerüchte über eine Serie versuchter Sexualstraftaten – „Gerüchte, die sich jetzt möglicherweise bestätigen“, sagt die 34-Jährige. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Wie viele andere auch ist sie ängstlich und möchte mit dieser Geschichte eigentlich nichts zu tun haben.

Nur noch mit Hundeabwehrspray unterwegs

 Wer darüber spricht, möchte nur anonym zitiert werden. So wie die 33-Jährige, die sich irgendwie selbst schützen möchte. „Ich habe mir ein Hundeabwehrspray gekauft, das ich griffbereit in der Tasche habe, wenn ich abends rausgehe“, sagt sie. Sie wisse zwar, dass dies „im Fall der Fälle“ gegen eine Gruppe von Angreifern kaum helfe. „Aber es gibt mir zumindest ein wenig mehr das Gefühl von Sicherheit.“ Überdies habe ihr Chef angeboten, seine Mitarbeiterinnen nach Geschäftsschluss per Auto heimzufahren, falls sie sich unsicher fühlen würden. Dass die Polizei jetzt mehr Streifen einsetzen will, sei zwar löblich, „aber ich verstehe nicht, weshalb sie nach der Vergewaltigung vor mehreren Wochen nicht schon nach Zeugen gesucht und die Bevölkerung gewarnt hat“, kritisiert sie. Die von Behördensprecher Matthias Arends genannten „ermittlungstaktischen Gründe“ und Opferschutz empfindet sie als „vorgeschoben“: „Nach der versuchten Vergewaltigung vergangene Woche sucht man doch auch öffentlich Zeugen.“

 Elsbeth Buchholz engagiert sich in der Petrus-Kirchengemeinde, die Übergriffe auf junge Frauen beunruhigen die 76-Jährige. „Natürlich lösen solche Meldungen Ängste aus.“. Dass die Polizei mehr Präsenz zeigen will, bezeichnet sie als richtigen Schritt. Eine andere ältere Dame sagt, die Vorfälle hätten sie zutiefst erschrocken. „Ich gehe nach Möglichkeit im Dunkeln nicht mehr raus“, so die 63-Jährige. Ein anderer Anwohner sagt, dass er seine Frau auch abends nicht mehr allein Bus fahren lasse. Der Überfall vom Sonntag vergangener Woche hat ihn zusätzlich besorgt. Wie berichtet war die 20-Jährige auf dem Weg nach Hause unweit der Haltestelle Elendsredder angegriffen worden.

 Eine Studentin formuliert noch eine andere Sorge: Dass das Opfer die Angreifer als „Südländer“ bezeichnet hatte, erschwere die gesellschaftliche Situation im Stadtteil – erst recht, nachdem Flüchtlinge in die ehemalige Technische Marineschule eingezogen sind. Die junge Frau warnt davor, jetzt voreilige Schlüsse zu ziehen. „Selbst wenn die Polizei dort Täter ermitteln sollte, darf man nicht pauschal alle verurteilen.“ Und eine 26-Jährige warnt vor einer Stigmatisierung des gesamten Stadtteils: „Orte, an denen man als Frau unangenehm angesprochen wird, gibt es überall in Kiel, am Bahnhof oder auf Partymeilen.“

Von Bastian Modrow und Frank Behling

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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Polizei Kiel
Foto: Die Polizei Kiel sucht Zeugen, die Auskunft zu den Tätern geben können.

Im Kieler Stadtteil Wik ist es in den vergangenen Wochen offenbar zu einer Reihe schwerer Sexualstraftaten gekommen. Dabei soll es sich jeweils um drei Täter gehandelt haben.

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