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Stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis in Kiel?

Nahverkehr Stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis in Kiel?

Eine Studie bescheinigt dem Kieler Nahverkehr eine hohe Kundenzufriedenheit – trotzdem wird er nur von vergleichsweise wenigen Bürgern genutzt. Woran liegt das?

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In Kiel nutzen rund zehn Prozent der Bürger den Nahverkehr regelmäßig.

Quelle: Frank Peter (Archiv)

Kiel. Seit sechs Jahren lässt die Kieler Verkehrsgesellschaft ihre Fahrgäste befragen: Wie zufrieden sind Sie mit dem Angebot? Wie kompetent verhält sich das Personal? Und wie klappt es mit der Pünktlichkeit? Das Ergebnis in diesem Jahr: Alles ganz hervorragend! „Wir liegen offenbar nicht ganz verkehrt mit unserem Angebot“, freute sich Werkleiterin Sabine Schirdewahn im März. Wer die Busse der KVG nutzt, scheint damit meist sehr zufrieden zu sein.

Das Problem: Die Gruppe derer, die selten einsteigen, ist deutlich größer als die der Nutzer. Und wer stattdessen auf Auto, Fahrrad oder die eigenen Füße setzt, um von A nach B zu kommen, liefert dafür auch Argumente: Zu voll, unzuverlässig und teuer seien die Busse. Auch sei man mit dem Fahrrad oft schneller und stressfreier am Ziel. Bietet der Kieler Nahverkehr wirklich zu wenig fürs Geld?

Erst im Sommer hat der Verbund NahSH, dem die KVG angehört, die Preise für Busse und Bahnen in Schleswig-Holstein erhöht. 2,60 Euro kostet nun ein Einzelticket in Kiel, dies entspricht einer Steigerung von rund vier Prozent.


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Im Vergleich mit ähnlich großen Städten liegt die Landeshauptstadt damit im oberen Mittelfeld: Nicht so günstig wie Magdeburg (2,10 Euro), aber auch nicht so teuer wie Wiesbaden (2,75 Euro).


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Auffällig ist hingegen, wie selten die Kieler im Vergleich mit Bürgern ähnlich großer Städte den Nahverkehr nutzen. Lediglich rund zehn Prozent steigen laut einer infas-Studie aus dem Jahr 2013 „täglich oder fast täglich“ in den Bus. In vergleichbaren Städten sind die Zahlen oft doppelt bis dreifach so hoch. Dort haben Fahrgäste in den meisten Fällen aber auch mehr Wahlmöglichkeiten: Sie können nicht nur Busse, sondern auch Straßenbahnen nutzen.

Stefan Barkleit, Vorsitzender vom Fahrgastverband Pro Bahn Schleswig-Holstein, sieht hier einen direkten Zusammenhang: „Wer muss, fährt Bus, und wer kann, fährt Bahn. Die ist größer und bietet mehr Platz für Kinderwagen und Rollstühle.“ Barkleit kritisiert, dass sich Fahrgäste in Kiel auf den stark frequentierten Hauptachsen von Dietrichsdorf zur Wik (Linie 11) und von der Innenstadt nach Mettenhof (Linie 100) oder Elmschenhagen (Linie 32) oft in einen vollen Bus drängen müssten. „Unterschwellig wird mir als potenziellem Kunden suggeriert, dass eh kein Platz für mich vorhanden ist.“

Während der Betrieb auf der hufeisenförmigen Busstrecke rund um die Förde auch dank der tausenden Kieler Studenten brummt, sieht es laut Barkleit in den außenliegenden Bezirken wie Mettenhof an Sonn- und Feiertagen mau aus. „Für eine Landeshauptstadt wundert man sich schon, wie selten dann ein Bus fährt“, sagt der Fahrgastvertreter. Weiterer Schwachpunkt: Wer abends am Hauptbahnhof mit dem Zug ankommt, dem fährt der Bus oft vor der Nase weg. „Das ist sehr ärgerlich und müsste besser aufeinander abgestimmt werden.“

Insgesamt setze Kiel auf eine „veraltete Bus-Infrastruktur wie vor zehn, 20 Jahren“. Die lange andauernden Planungen zur 2015 endgültig gescheiterten Stadtregionalbahn hätten notwendige Modernisierungen und Innovationen im Nahverkehr verhindert. Nun müsse es darum gehen, Verbesserungen rasch anzugehen. Barkleit schlägt vor, die Taktung auf den Hauptachsen zu erhöhen, jeden Stadtteil ohne große Schleifen direkt mit der Innenstadt zu verbinden und die Ticketpreise weiter zu staffeln: „Wer mit sechs Stationen nur knapp am Kurzstreckenticket für 1,80 Euro vorbeischrammt, ärgert sich über den dann recht hohen Preis für ein Einzelticket.“

Der Experte findet aber auch lobende Worte für den Kieler Nahverkehr. „Wer die Tarifzone gänzlich ausnutzt, ist mit einem Fahrpreis von 2,60 Euro wirklich gut bedient. Außerdem sind die Busse allesamt auf dem neuesten Stand.“ Auf einer Schulnotenskala von eins bis sechs ordnet er den Kieler Nahverkehr auf einer drei ein: „Befriedigend, aber noch Luft nach oben“. Um Kiels volles Potenzial auszuschöpfen führt aber kein Weg an einer Stadtbahn vorbei – so sieht es Stefan Barkleit vom Fahrgastverband Pro Bahn.

Auch die CDU sieht beim Thema Kieler Nahverkehr Verbesserungsbedarf – spricht sich jedoch klar gegen das Projekt Stadtbahn aus. „Wir brauchen eine schnellere Taktung, moderne Antriebe mit Elektromotoren und eine bessere Anpassung an die Fördeschiffe“, lässt der Ratsvorsitzende Stefan Kruber verlauten. Grundsätzlich sei die KVG mit ihrem Bus- und Schiffverkehr jedoch gut aufgestellt und eine wie von Pro Bahn favorisierte Stadtbahn „weder finanziell noch baulich machbar“.

Das Thema Stadtbahn dürfte bei vielen Kielern Erinnerungen wecken. Denn bis 1985 hatte auch Kiel eine Straßenbahn. Sie wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt, ihre Gleise im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, wieder aufgebaut und schließlich ab den sechziger Jahren aus Kostengründen nach und nach abgewickelt.

„Das war eine strittige Entscheidung, viele Bürger waren damals wehmütig. Das ganze Stadtbild wurde durch den Wegfall der Straßenbahn verändert“, erinnert sich Dr. Johannes Rosenplänter, Leiter des Stadtarchivs.

Hier finden Sie Fotos der Kieler Straßenbahn aus dem 20. Jahrhundert.

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Wie teuer eine Wiedereinführung werden würde, lässt sich momentan nicht genau vorhersagen. Fest steht: Sie wäre für viele Verkehrsteilnehmer und Händler der Stadt eine lang andauernde Zumutung. Gleise lassen sich nicht lautlos und schnell verlegen. Trotzdem findet die Idee Anklang in der Kieler Politik. SPD, Grüne, SSW und Linke sprachen sich bereits dafür aus. Ein „Masterplan Mobilität“ wird seit dem Frühjahr erarbeitet und soll klären, wie sich Kiel verkehrstechnisch am besten aufstellt. „Ich wünsche mir eine Stadtbahn und bin sicher, dass wir es alle erleben werden, wieder in einer Stadtbahn zu fahren“, warb Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) bereits 2015 für eine Schienenlösung innerhalb des Konzepts.

Eine schnelle Lösung ist derzeit aber nicht absehbar. Beim Verbund NahSH lässt man verlauten: „Es gibt keine Planungen für eine Straßenbahn in Kiel. Zumindest sind uns keine bekannt.“

Bis die Politiker ihre Entscheidungen getroffen haben, will die KVG den Busverkehr nach eigenen Angaben weiter verbessern und zusätzliche Busse für den Schüler- und Studentenverkehr einsetzen. Eine Anpassung an die Regionalzüge sei hingegen „in vielen Fällen gegeben“ und auch die Hauptachsen würden schon ausreichend bedient, so Sprecherin Andrea Kobarg. Mit den geplanten Veränderungen reagiere das Unternehmen bereits auf „die Fahrgast- und Bürgerwünsche“. Die KVG scheint mit ihrem Angebot bereits sehr zufrieden zu sein.

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