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CAU Kiel stellt sich Vergangenheit

Nationalsozialismus CAU Kiel stellt sich Vergangenheit

Lange galt die Kieler Universität als braune Hochburg der Nationalsozialisten. Erst aktuelle Forschungen hinterfragen vor allem die Sonderrolle als Grenzland-Universität. Ein Projekt soll die Bedeutung der CAU in der NS-Zeit jetzt aufarbeiten.

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Schon 1938 gab es einen Aufmarsch des Nationalsozialistischen Studentenbundes vor dem Kollegiengebäude der Universität Kiel im Schlossgarten.

Quelle: Ferdinand Urbahns

Kiel. Das Präsidium der Universität hat sich auf die Fahnen geschrieben, im 350. Jubiläumsjahr auch die dunklen Kapitel der Vergangenheit auszuleuchten: Es gab grünes Licht für ein NS-Forschungsprojekt. Seit einigen Jahren befassen sich Kieler Historiker mit verschiedenen Aspekten der NS-Zeit an der Christian-Albrechts-Universität (CAU). Schon Prof. Christoph Cornelißen, der mittlerweile nach Frankfurt gewechselt ist, stellte fest, dass die CAU als Vorzeigeuniversität der Nazis zwar eine gewisse „Banner- und Ausstrahlwirkung in den europäischen Norden“ hinein entwickelte. Doch sei sie damit kein Einzelfall gewesen.

Anteil der NS-Studenten lag im Durchschnitt

Mit Hinweis auf aktuelle Recherchen schlussfolgert auch der Kieler Regionalhistoriker und Leiter des neuen Forschungsprojekts Prof. Oliver Auge, dass so manche frühere Beurteilung zurückgenommen werden muss. Zwar habe sich Kiel um die Position einer Grenzland-Universität bemüht, sie jedoch nicht offiziell von den Nazis bekommen: „Auch der Anteil der Nationalsozialisten unter den Hochschulangehörigen war geringer als gedacht. Er lag im Durchschnitt, während bei den Studierenden eine starke Aktivität zu beobachten war.“

Solche Einordnungen, betont Auge, sollten nichts beschönigen, sondern helfen, Fehlbeurteilungen auszuschließen und Einzelfälle zu überprüfen, um Anfragen bearbeiten zu können. Unbestritten ist unter Historikern, dass vor allem die Theologische, die Medizinische und Rechtswissenschaftliche Fakultät schnell gemeinsame Sache mit den Nazis machten. So ebneten Kieler Juristen den Weg zumindest in der Anfangszeit dafür, liberale Gesetze auszuhebeln und Grundlagen für Verfolgung zu schaffen. Viele Wissenschaftler mussten die Universität verlassen.

"Fatale Rolle in dieser Zeit"

„Auch die Kieler Universität spielte eine fatale Rolle in dieser Zeit“, erklärte gestern das Präsidium, nachdem es beschlossen hatte, das Kieler Gelehrtenverzeichnis mit einem besonderen Schwerpunkt auf der nationalsozialistischen Zeit auszubauen. „In dem zunächst auf sechs Jahre angelegten Projekt werden Lebens- und Karriereläufe der Kieler Professorenschaft, die einen Bezug zum Nationalsozialismus aufweisen, rekonstruiert,“ erläuterte Präsidiumssprecherin Claudia Eulitz.

Mit dem Gelehrtenverzeichnis von 1919 bis 1965, das in Zusammenarbeit mit Kieler Informatikern als Online-Datenbank entstand, betrat die CAU Neuland: Als einzige Hochschule bundesweit legte sie in dem Katalog auch politische Bezüge im Leben der Professoren offen. Nach bisherigen Erkenntnissen gehörten demnach 25 der 108 Kieler Professoren bereits 1933 der NSDAP an. Darunter war auch der Kieler Klinikdirektor Alfred Schittenhelm, der einer der ersten Kandidaten für eine Einzelfallüberprüfung werden könnte.

Alfred Schittenhelm zunächst im Fokus

Auge, der innerhalb des Forschungsprojekts auch die Zeit vor und nach dem Nazi-Regime in Promotionen untersuchen lassen will, liegt bereits eine Anfrage der Medizinischen Fakultät zur Rolle Schittenhelms vor. Sollte sich der Verdacht erhärten, dass der Klinikdirektor zu den Wegbereitern der NSDAP gehörte, müsste die Universität ihm den Titel des Ehrensenators aberkennen und die Stadt die Straße umbenennen. Mit der moralischen Schuld von Kieler Professoren und der CAU im Nationalsozialismus befasst sich eine Veranstaltung der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in Berlin am 16. Dezember unter dem Titel „Die langen Schatten der Vergangenheit“.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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Foto: Die Schittenhelmstraße auf dem Campus des Kieler Universitätsklinikums: In der kommenden Woche will sich der Senat der CAU mit der Frage beschäftigen, ob er Alfred Schittenhelm den Titel eines Ehrensenators posthum entzieht oder nicht.

Der Kieler Klinikdirektor Alfred Schittenhelm zählt als NS-Wegbereiter zu den politisch am stärksten belasteten Internisten. Nach aktuellen Erkenntnissen betrieb er 1933 die Absetzung des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, Leopold Lichtwitz, wegen dessen jüdischer Abstammung.

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