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Neubeginn unter Segeln

Segelrebellen Neubeginn unter Segeln

Für Kieler-Woche-Segler ist ihr Sport Wettkampf und Hobby zugleich. Für Marc Naumann ist Segeln Befreiung und Neubeginn. Vor sechs Jahren bekam er die Diagnose Krebs – Hirntumor. Gleich zweimal. Nach überstandener Chemotherapie rief er die „Segelrebellen“ ins Leben.

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Nach überstandener Chemotherapie rief Marc Naumann (li.) gründete er dieSegelrebellen. Zusammen mit Ingo Blaha wibrt er in Schilksee für diese Idee.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Die Organisation ermöglicht es jungen Krebspatienten, an Segeltörns teilzunehmen. Zuletzt liefen sie die Kieler Woche an.

 Marc Naumann ist 34 Jahre alt. „28 plus sechs“, sagt er. Der Münchner hat ein Leben vor und eines nach der Diagnose. Der Krebs riss ihn kurz vor seinem Examen aus dem Jura-Studium. Er ging offen mit der Krankheit um, trotz Warnungen von Freunden. „Du bekommst nie wieder einen Job“, sagten sie. Naumann lebte von Hartz IV, musste umziehen. „Welcher Vermieter nimmt schon jemanden, der in einer Chemotherapie steckt?“ Auch als er segeln wollte, erlebte er Ablehnung. „Komm nächstes Jahr wieder, bekam ich zu hören“, erzählt er. „Niemand wollte die Verantwortung für einen Patienten an Bord übernehmen.“

 Naumann ging trotzdem segeln. Auf der Nordsee, im September. „Es war grau und kalt, aber mein bis dahin schönstes Segelerlebnis“, sagt er. Schon vor der Diagnose war Segeln ein Hobby. „Ich wollte die erste Chemo erst nicht machen, sondern mir ein Boot kaufen und einfach segeln. Nach dem Motto: Wenn ich umfalle, falle ich eben um.“ Dann starb am letzten Prüfungstag im Studium ein Freund – an Krebs. „Da wurde mir klar, wie schnell alles vorbei sein kann.“ Eine Initialzündung für Naumann, für den das Glas seitdem stets halb voll ist.

 „Es geht auf unseren Törns wenig um die Krankheitsgeschichten der Mitsegler. Vielmehr um Alltägliches, Probleme im Job oder Familienplanung“, erzählt er. Sieben Törns hat er bisher organisiert. Die Segelrebellen fuhren von Marseille nach Mallorca, von Lanzarote nach Gibraltar oder von Flensburg über Kopenhagen nach Rügen. Auf Booten, die ihnen kostenlos gestellt werden. „Meist ist das bei Überführungen der Fall.“ Einzige Mitfahr-Bedingung: „Man sollte seinen Einkauf allein nach Hause tragen können.“ Und: Jedes Crew-Mitglied braucht ein ärztliches Attest. Egal ob positiv oder negativ. „Ich will nur das Risiko einschätzen können.“ Die Crew segelt ohne Arzt. Jeder trägt die Verantwortung für sich selbst. „Vor jedem Törn habe ich gehört, es sei verantwortungslos. Aber die Teilnehmer machen riesig schnelle Fortschritte und passiert ist noch nie etwas.“

 Nach der Therapie gibt es für junge Erwachsene wenig passende Angebote, findet Naumann. „Nach Batiken, Töpfern oder Papierbootbasteln geht man wieder nach Hause zu seinen Problemen. Beim Segeln kann man zehn Tage lang Gedanken sortieren.“ Zudem finde jeder an Bord Aufgaben, die er bewältigen könne. „Man kann beim Segeln nur richtig handeln. Ist der Wind zu stark, mache ich eben das Segel kleiner.“ Die Resonanz auf die Idee ist groß. 70 bis 100 offene Anmeldungen stehen stets auf der Warteliste. Sechs ehemalige Teilnehmer wollen jetzt den Segelschein machen. Zuletzt segelten die Rebellen, die sich aus Spenden finanzieren, die „CJ Legend“ aus Flensburg zur Kieler Woche, wo sie in Schilksee einen Info-Stand betreiben. Ein Ziel haben sie stets vor Augen: „Ein eigenes Boot, um regelmäßig Törns anbieten zu können.“

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