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Günther Bantzer brachte die Welt nach Kiel

Neue Oberbürgermeister-Serie Günther Bantzer brachte die Welt nach Kiel

Aus der Traum von den Spielen: Ulf Kämpfer wird nicht als zweiter Olympia-Oberbürgermeister in die Stadtgeschichte eingehen. Er muss sein Thema noch finden – so wie all seine mehr oder minder großen Vorgänger es taten. Heute startet unsere Serie über die Verwaltungschefs der vergangenen 50 Jahre. Teil eins: Günther Bantzer holte 1972 die Segelwettbewerbe nach Kiel.

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Souverän, selbstbewusst, weltgewandt – so wird Günther Bantzer bis heute von politischen Freunden wie Gegnern beschrieben.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Im hohen Alter war er gerade noch einmal für Olympia unterwegs, für eine Neuauflage hat es nicht gereicht. Die großen Erfolge von damals bleiben aber mit dem Namen Bantzer verbunden: das Geld, das nach Kiel floss, die Bauprojekte, die Aufbruchstimmung im Rathaus. Seine lange Amtszeit steht jedoch für weit mehr. Der Sozialdemokrat legte in der Zeit des Kalten Krieges das Fundament für die Städtepartnerschaften mit dem Osten und war als Verwaltungschef allseits respektiert. Der ehemalige CDU-Kommunalpolitiker Karl Diekelmann, in Bantzers Amtszeit Mitglied des Magistrats, sagt: „Er war eine natürliche Autoritätsperson.“

 Als die Kieler 1965 einen neuen Oberbürgermeister suchen, werden sie im Landkreis Herford fündig. Der dortige Oberkreisdirektor, von Beruf Jurist, überzeugt durch Sachlichkeit und Humor. Die Sympathien sind beidseitig, Bantzer sagt schnell ja. „Dafür hatte ich zwei gute Gründe“, erzählt er. Schon in seiner Zeit im Sozialistischen Deutschen Studentenbund sei der Nachkriegs-Oberbürgermeister Andreas Gayk ein großes Vorbild für die Kommunalpolitik gewesen. „Dessen (zweiter) Nachfolger zu werden, fand ich eine dolle Sache.“ Auch die „Astor Bar“ hat bei einem Kiel-Besuch einen tiefen Eindruck hinterlassen. „Wir Landeier staunten ordentlich, als sich auf einmal die Decke öffnete und wir unter freiem Himmel saßen.“ Für ihn steht fest: „Diese Stadt hat einiges zu bieten.“

 Doch Bantzer, der in Herford „Herrscher aller Reußen“ ist, muss sich bei seinem Amtsantritt umstellen. „Ich war jetzt primus inter pares“, erzählt der 94-Jährige. Es gibt noch keine Direktwahl. Die Ratsversammlung entscheidet, wer Verwaltungschef wird. Vor allem aber: Nicht der OB, sondern der – aus Haupt- und Ehrenamtlern bestehende – Magistrat ist verwaltungsleitendes Organ. Er wird nach Proporz in der Ratsversammlung besetzt. Also ist neben der Mehrheitspartei SPD auch die CDU mit im Boot. „Wir hatten ein sehr kollegiales Verhältnis“, sagt Bantzer. „Ich fuhr mal mit Karl (Diekelmann), der Sportdezernent war, zur Einweihung eines Vereinsheims und hatte keine Rede vorbereitet. Da überließ er mir seine.“ Sein Stil ist nicht allen recht. „Die jüngere Generation in meiner Partei hat mit mir geschimpft, ich solle mich nicht immer mit den Schwarzen duzen“, sagt er mit verschmitztem Lächeln. Der „Tadel“ hat ihn offenbar nicht sonderlich beeindruckt.

 Bantzer verfügt nicht über die Machtfülle, die die heutige Kommunalverfassung einem Verwaltungschef verleiht. Für ihn ist die Sache aber klar: „Ich bestimme als Oberbürgermeister.“ Es kommt zum Kräftemessen mit der Ratsversammlung. Er will allein über die Auswahl von Amtsleitern entscheiden. Der Streit – bei dem es konkret um die Einsetzung des späteren Leiters des Liegenschaftsamtes, Hans Mehrens, geht – landet vor dem Verwaltungsgericht. Bantzer bekommt Recht, aber OB und Magistrat sollen sich künftig einigen.

 Selbstbewusst, souverän, weltgewandt, so wird er bis heute beschrieben. Mit diesen Eigenschaften ist Bantzer der ideale Gastgeber für die Spiele, die Kiel einen „Schwung über Jahrzehnte“ verleihen werden. Das Kapitel Olympia ist in seiner Chronik schon oft aufgeschlagen worden – natürlich. Er selbst erzählt gern diese Anekdote: Sein damaliger Kollege Hans-Jochen Vogel habe beteuert, die Balken im Münchener Rathaus seien erst so krumm, seit der Kieler OB dort die Zahlen für die Olympia-Bewerbung vorgetragen habe. Ob ein wenig Flunkerei im Spiel gewesen ist oder nicht, die Wettbewerbe zahlen sich aus. Und die Kieler, zunächst reserviert, sind nun Feuer und Flamme: Autobahnanschluss an Hamburg, Straße nach Schilksee, zweite Brücke über den Nord-Ostee-Kanal, Kiellinie...

 Durch Olympia und die Kieler Woche hat die Stadt schon damals Verbindungen in den Ostseeraum. Bantzer will noch mehr. 1973 berichtet der „Spiegel“: „Als erste westdeutsche Stadt hat Kiel Kontakte zu einer DDR-Gemeinde aufgenommen – zu Rostock.“ Umgekehrt kommen auch Delegationen aus dem Osten an die Förde. „Die Leute aus der DDR wollten immer nach Mettenhof und fragten, welche Fabrik die Platten hergestellt habe. Als ich einmal in Frankfurt/Oder war, sah ich den Grund. Die Platten dort waren von ganz schlechter Qualität.“ Das Interesse der Tallinner, die als Partner von Moskau die Segelwettbewerbe 1980 ausrichten wollen, gilt hingegen dem Olympiazentrum. „Die waren hinter den Bauplänen her. Schließlich habe ich gesagt, gut, sie sollen sie haben.“

 Die Kontakte in die DDR und ins Baltikum werden von der Landesregierung misstrauisch beäugt. „Offiziell war auch die Bundesregierung nicht begeistert“, berichtet der 94-Jährige. „Aus dem Auswärtigen Amt bekamen wir aber das Signal: Macht weiter. Es ist wichtig, dass die Leute Unterstützung aus dem Westen erhalten.“

 1980, nach der zweiten Amtsperiode, ist für Bantzer Schluss. Noch einmal antreten will er nicht. „Irgendwann ist man leer“, sagt er. „Ein Chef, der die Stadt nur noch verwalten kann, sollte aufhören.“ Doch der Elan und die Freude, mit der er den „Beruf“ des Oberbürgermeisters 15 Jahre lang ausgeübt hat, ist heute noch zu spüren.

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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