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Jura-Mama kämpft für Familien

Neues Buch Jura-Mama kämpft für Familien

„Keine Kinder sind auch keine Lösung“, findet die Kieler Juristin und Autorin Nina Straßner (35). So lautet auch der Titel ihres ersten Buches. Mit Wut und Witz schreibt sie über Probleme von Eltern im Alltag und am Arbeitsplatz und wie Recht und Politik damit zusammenhängen.

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Die „Jura-Mama“ Nina Katrin Straßner aus Kiel – hier mit ihren Kindern Wilma und Hans – hat ein Buch herausgebracht, das es ab heute im Buchhandel gibt.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Frau Straßner, warum regen Sie sich auf? Die rechtliche Situation von Eltern ist doch besser denn je: Es gibt ein Antidiskriminierungsgesetz, Mutterschutz, Elternzeit und ein Recht auf Krippenplätze.

Nina Strassner: Stimmt. Wir haben wirklich tolle Gesetze. Ich erlebe aber beruflich, wie leicht die ausgehebelt werden können. Recht haben und Recht bekommen sind zwei Paar Schuhe. Sobald die Kommune keinen Krippenplatz bietet oder der Arbeitgeber widerrechtlich bei der Elternteilzeit mauert, wird es ganz duster. Den Eltern bleibt dann nur, den eigenen Arbeitgeber zu verklagen. Wie viel Mut und auch Geld man dafür haben muss, kann sich jeder vorstellen.

Bleiben vor allem Mütter auf der Strecke, die schon vor der Schwangerschaft prekäre Jobs hatten?

Nicht nur. Auch gut ausgebildete Frauen und auch immer mehr Männer straucheln gewaltig. Eltern, die ihre Rechte nutzen möchten, bekommen Probleme in Bereichen, von denen sie kinderlos echt nichts ahnen konnten. Ein gutes Beispiel ist eine Freundin, promovierte Ökonomin mit Führungserfahrung, die kleine Kinder hat und jetzt nicht mehr reinkommt in den Beruf. Aber nicht, weil ihr Mann nicht mitziehen würde. Der war sofort bereit, ein ganzes Jahr in Elternzeit zu gehen, als seiner schwangeren Frau der Traumjob angeboten wurde. Der Finanzexperten-Ehemann suchte das Gespräch mit seinem Arbeitgeber, der sagte: „Wir können sie rechtlich nicht daran hindern Elternzeit zu nehmen. Aber Sie wissen, dass sie dann hier im Hause nicht mehr vorwärts kommen.“ Tja. Dann saß die Familie da, mit ihren drei Kindern und dem Hauskredit. Sie wussten ja nicht, ob sie die Probezeit überstehen würde. Der Job des Mannes hingegen ist sicher und gut bezahlt. Die beiden sind also kein Risiko eingegangen. Sie sind am System gescheitert, obwohl das Recht und die Politik voll auf ihrer Seite sind. Das ist Mist und kommt hinter verschlossenen Türen quasi ständig vor.

Wie kann Ihr Buch Eltern hier helfen?

Es erklärt juristische Fragen und greift viele Themen auf, die gerade auch im Wahljahr für Familien wichtig sein können. Oftmals muss man das Recht kennen, um sich politisch eine Meinung bilden zu können.

Sie selbst haben auch politische Botschaften. Zum Beispiel nehmen Sie unser Rentensystem auseinander. Sie kritisieren, dass im Alter diejenigen am meisten davon profitieren, die umfangreich berufstätig waren, und nicht diejenigen, die die rentenzahlenden Kinder groß gezogen haben. Sie klingen da ziemlich fatalistisch.

Es ist ja auch fatal. Meiner Generation fehlen die Kinder noch massiver als den heutigen Rentnern. Es ist nicht zu begreifen, warum unser System komplett falsche Anreize setzt. Der kinderlose Vollzeit-Onkel von nebenan bekommt eine höhere Rente als die Mutter mit zwei Kindern und Teilzeitjob. Dabei hat nur sie den Generationenvertrag eingehalten. Er nicht. Zudem schultern Familien vergleichsweise immense Kosten – pro Kind im Schnitt fast 600 Euro im Monat bis zur Volljährigkeit. Meine Generation hat aus den Rentenzetteln der Eltern gelernt und bekommt panisch weniger Kinder. Man sagt uns ja auch: „Um Himmels Willen, ihr müsst privat vorsorgen!“ Aber wovon soll eine Familie das denn auch noch machen? Der Onkel kann sich das eher leisten. Wenn man sich das mal vor Augen führt, wird einem übel.

Was schlagen Sie vor?

Ich bin ganz klar für unser Solidarsystem. Aber die finanzielle Last der Kindererziehung muss einfach gerechter verteilt werden, damit sich auch meine Generation die Kinder leisten kann, die uns im Alter die Hüft-OP bezahlen. Frankreich löst das außerhalb des Rentensystems über das Steuersystem: Beim ersten Kind gibt es kaum Entlastung, beim zweiten zahlen sie nur noch die Hälfte des Einkommensteuersatzes und ab dem dritten Kind quasi gar keine Einkommensteuer mehr. Damit haben Familien in der Phase mehr Geld, in der sie es brauchen und zwar nur die, in denen einer oder beide Eltern berufstätig sind und damit in die Sozialkassen einzahlen. Bei den Franzosen wirkt das: Die haben eine Geburtenrate von 2,4 Kindern pro Frau, wir nur von 1,5. So kann das nicht weitergehen.

Interview: Karen Schwenke

Weitere Informationen

Auch in ihrem Blog unter www.juramama.de gibt Nina Straßner Tipps. Ihr Buch "Keine Kinder sind auch keine Lösung" ist im Verlag Bastei Lübbe erschienen und kostet 10 Euro.

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