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Wer hat das Zeug zum Schauspieler?

Niederdeutsche Bühne Wer hat das Zeug zum Schauspieler?

Für die Niederdeutsche Bühne war es ein Versuchsballon: Gleich für mehrere Produktionen sollten in einem offenen Casting „spielwütige Darsteller jeder Altersklasse“ gesucht werden. Und davon gibt es offenbar viele in der Kieler Region.

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Wer im Kino laut Popcorn isst und Cola schlürft, bekommt Ärger: Hier muss Jannis Mieck (17, Mitte) auf der Bühne improvisieren.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Der Plan der Theatermacher ging auf: Mehr als 70 Interessenten kamen in das traditionsreiche Theater am Wilhelmplatz.

Jannis Mieck und Fryderyk Stelmaszczyk standen sicherheitshalber schon eine Stunde vor dem offiziellen Start im Foyer. Die beiden haben mit 17 Jahren zwar gerade erst die Zulassungsgrenze für das Casting überschritten, aber die Schauspielerei hat schon einen festen Platz in ihrem Leben. Jannis hat schon mit sieben Jahren bei einer Laienschauspielgruppe in Schleswig auf der Bühne gestanden, hat Schultheater gespielt, Casting-Erfahrung gesammelt und besucht mit Fryderyk jede Woche das außerschulische Angebot der Schauspielschule TASK in Kiel. Auch Fryderyk hat schon in einer Theatergruppe mitgespielt. Doch das war in seiner Heimat Polen. Jetzt lebt er seit ein paar Jahren in Altenholz. Dass er in dieser Zeit so schnell Deutsch gelernt hat, ist wohl seinem Ehrgeiz zu verdanken, es auch in der neuen Heimat wieder auf die Bühne zu schaffen.

 Von diesem Bühnenvirus sind fast alle Bewerber infiziert. „Lust auf Bühne“ nennt es Karen Ehlers schlicht. Die Lehrerin hat bei einem integrativen Theaterprojekt im Werftparktheater und bei der Theaterschmiede Lütjenburg mitgespielt. Die 58-Jährige kann aber auch noch mit ihrem Platt punkten. Das ist beim Casting allerdings noch nicht gefordert. Regisseurin Alexandra E. Kruse will an diesem Tag herausfinden, wie sich die Frauen und Männer mit ihrem Körper und ihrer Stimme ausdrücken können. Jeweils zehn bis zwölf schickt Kruse erst einmal durch den Theatersaal und dann auf die Bühne. Sie sollen sich mal selbstbewusst, mal schüchtern, mal wie ein Cowboy bewegen, mal einen anderen bedrohen.

 Die nächste Aufgabe hat es richtig in sich: Ohne Worte soll dargestellt werden, wie man sich in einem Ruderboot an einen Steg manövriert und dort anlegt. Was Jannis Mieck da zeigt, lässt einen die Anstrengung spüren und das Plätschern des Wassers hören und das Manöver vor dem inneren Auge sehen. Dabei ist die Übung auf dem Bühnenboden eine Tortur für ihn: Er leidet gerade unter einem Bandscheibenvorfall. „Schauspielern ist sehr anstrengend, aber auch total befreiend“, sagt er, „du tust ja nicht so, als ob du wütend oder ängstlich bist. Du musst es in dem Moment wirklich sein.“ Auch Fryderyk zeigt wenig später, dass er bei sich Emotionen hervorrufen kann. Er soll die Redewendung „Wo gehobelt wird, fallen Späne“ einmal ängstlich, einmal arrogant äußern. „Das war an sich nicht schwer, aber ich wusste nicht, was Späne sind und wie ich das richtig aussprechen muss“, erzählt er anschließend.

 Sicher haben die beiden Schüler wie auch Karen Ehlers gute Chancen, irgendwann auf der Bühne zu stehen. Wie Mimi, die eigentlich nur ihren Vater Joannis Xiros zum Casting begleitet hat. Denn mit zehn Jahren ist sie eigentlich zu jung dafür. Doch weil Mimi im Zuschauerraum so sichtbar mitgeht, holt Alexandra Kruse sie kurzerhand mit auf die Bühne. Und da zeigt die Zehnjährige sich dermaßen unverkrampft und ausdrucksstark, dass sie sich schnell in die Herzen der Theatermacher und Mitbewerber spielt.

 Wer welche Rolle angeboten bekommt, wird aber erst in zwei, drei Wochen feststehen. „Wir müssen ja nicht nur das Weihnachtsmärchen besetzen, also Schneewittchen, sondern auch noch neue niederdeutsche Stücke“, sagt die stellvertretende Bühnenleiterin Carina Dawert. Außerdem werden noch viele Mitarbeiter abseits der Bühne gesucht. Aber auch wenn es an diesem Nachmittag noch keine Entscheidung gibt, hat das Casting schon zwei Dinge erreicht, sagen Sofie Köhler (25) und Felicitas Längler (21). Es hat Spaß gebracht und dem Theater viele neue Fans beschert: „Wir ahnten nicht, dass es ein so schönes Theater ist. Vor allem ist es hier überhaupt nicht so altbacken, wie man sich eine Niederdeutsche Bühne vorstellt.“ Einige Bewerber kommen deshalb am Abend noch einmal wieder – um sich die Krimi-Komödie Bella Donna anzusehen.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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