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Noch einmal die Sonne spüren

Hospiz Kieler Förde Noch einmal die Sonne spüren

Sterben gehört zum Leben. An keinem Ort der Stadt wird das deutlicher als im Hospiz Kieler Förde in Moorsee. Zum zehnjährigen Bestehen der stationären Einrichtung, die schwerstkranken Menschen für kurze Zeit ein Zuhause gibt, wird in einer Feierstunde am Sonnabend ab 11 Uhr im Landeshaus an die Entwicklung erinnert.

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Das Hospiz Kieler Förde bietet sterbenden und schwerstkranken Menschen in ihrer letzten Lebensphase ein Zuhause. Geschäftsführer Horst Schober und Pflegeleiterin Annika Weerts freuen sich, dass viele Menschen die Arbeit durch Spenden unterstützen.

Quelle: Karin Jordt

Kiel. „Wir können dem Leben nicht mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben“ – unter diesem Motto warben etliche Kielerinnen bereits in den 1990er-Jahren dafür, ein Hospiz für die Stadt und Umgebung zu schaffen. Man sammelte Geld, gründete im Jahr 2000 einen Förderverein und 2002 die Hospiz Kieler Förde gGmbH. „2004 wurden Verträge mit den Kassen geschlossen“, berichtet Geschäftsführer Horst Schober. 2005 konnte dann ein stationäres Hospiz in den Räumen der DRK-Anschar-Schwesternschaft am Kronshagener Weg öffnen. Die Erfahrungen der ersten Jahre flossen in die Planung des Neubaus mit ein, der dann 2012 in Moorsee am Radewisch 90 bezogen werden konnte.

 Wer hier als Gast einzieht, hat nur noch kurze Zeit zu leben, manchmal einige Stunden, manchmal Monate – 16 Tage sind es im Schnitt. Heilung ist nicht mehr möglich, aber Linderung und „Symptomkontrolle“ in enger Zusammenarbeit mit den Hausärzten und Palliativmedizinern, wie Annika Weerts, Hospizleiterin/Pflege, erzählt.

 Menschen, die das Haus zum ersten Mal betreten, staunen über die helle und freundliche Atmosphäre. „Wir schaffen den räumlichen Rahmen, um positive Gefühle zuzulassen und die Angst zu nehmen“, sagt der Geschäftsführer. Gäste und ihre Angehörigen seien oft mit der Situation überfordert, ihnen werde Lebensberatung und Begleitung angeboten – aber alles ist freiwillig: „Niemand wird hier zwangsbeglückt.“

Viel Zeit für Schönes

 Würde, Respekt und Zuwendung sind auch für Verena Dittmann wichtig. Die ehrenamtliche Sterbebegleiterin gönnt sich und den Menschen im Hospiz etwas, was ihr früher im Berufsleben als Krankenschwester oft fehlte: viel Zeit. Dabei sind es meist kleine Dinge, die Sterbenskranke sich wünschen und die das Team nach Kräften erfüllt: Noch einmal die Sonne im Gesicht spüren oder den Frühling riechen. Eine letzte Currywurst oder Apfelpfannkuchen, noch einmal Eis essen im Citti-Park, Lieblingsmusik hören, das Motorrad aufheulen lassen, Mensch-ärgere-dich-nicht spielen, die Hand halten. Eine ehemalige Seglerin wollte gern noch einmal den Sturm erleben. So schob Verena Dittmann die Schwerkranke im Rollstuhl mitten durch Orkan und Regen: „Je mehr es peitschte, desto glücklicher war sie“, erinnert sich die Begleiterin. „Sie tun mir gut, mein Leben ist schön“, schrieb eine andere Dame auf einen Zettel für Verena Dittmann. Die ältere Frau litt unter einem Tumor, konnte weder essen noch sprechen und hatte Angst vor dem Ersticken. Viele Stunden verbrachte die Sterbebegleiterin an ihrem Bett, bis die Erkrankte ganz friedlich einschlief.

 Wenn eine Kerze im Eingangsbereich brennt, weiß jeder im Haus, dass ein Mensch gestorben ist. Vor der Zimmertür des verstorbenen Gastes liegt dann eine weiße Rose, die langsam welkt: wachsen, blühen und vergehen – Angehörige dürfen nun in aller Ruhe Abschied nehmen. Trauer sei wie eine dicke Nebelwand, „man muss mitten durch gehen“, betont Kerstin Kürschner. Die Trauerbegleiterin bietet einmal im Monat ein „Lebenscafé“ für die Angehörigen zu verschiedenen Themen an und rät, Emotionen zuzulassen, ja zum Trauerschmerz zu sagen. Dann könne Neues wachsen.

 In der Herberge für Menschen am Ende des Lebensweges arbeiten rund 30 hauptamtliche und 80 ehrenamtliche Männer und Frauen, die die Gäste professionell und liebevoll in den 16 Einzelzimmern mit Bad und Terrasse betreuen. Es gibt außerdem ein Wohnzimmer, das alle nutzen können, einen Raum für Musiktherapie, Sitzecken, kreative Angebote, ein stilvolles Pflegebad mit Musik und einen Raum der Stille. Zu 90 Prozent finanziert sich die Einrichtung über Bedarfssätze der Kassen, zehn Prozent des Pflegesatzes müssen aus Spenden bestritten werden.

 Über 1560 Menschen konnten bis zum 1. Januar 2015 begleitet werden, nachdem ein Arzt die „Hospizbedürftigkeit“ festgestellt hatte. „Meine Mutter war im Hospiz am Kronshagener Weg“, erzählt Anne Priesnitz, „ich bin so dankbar dafür und möchte nun etwas zurückgeben.“ Seit sie im Ruhestand ist, hilft sie daher ehrenamtlich beim Austeilen des Abendessens, am Empfang oder im Garten. „Es ist so schön hier“, sagt Anne Priesnitz, „manchmal singen wir sogar oder tanzen.“

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