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Angelika Volquartz: Traum-Amt als Krönung

OB-Serie Angelika Volquartz: Traum-Amt als Krönung

Als die CDU-Bundestagsabgeordnete Angelika Volquartz im März 2003 die Macht im Kieler Rathaus erobert, kommt dies einem politischen Erdbeben gleich. Die damals 56-Jährige bricht die mehr als ein halbes Jahrhundert währende SPD-Herrschaft über das Oberbürgermeister-Amt.

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Angelika Volquartz im Institut für Weltwirtschaft: Wirtschaft und Wissenschaft stärker zu verbinden, ist für sie eine Herzensangelegenheit. 2014 erhält sie die Ehrenbürgerwürde der Kieler Universität.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Außerdem schreibt sie als erste Frau an der Verwaltungsspitze Stadtgeschichte. Für sie, so sagt sie heute, war das Traum-Amt die Krönung ihres politischen Lebens, eine „wunderbare Zeit der täglichen Begegnung mit Menschen“. Wie sehr ihr das liegt, auf Menschen zuzugehen, zeigen Szenen aus ihrem Straßenwahlkampf, als sie, ein Körbchen voller Marzipanherzen mit dem Spruch „Ein Herz für Kiel“ unterm Arm eingeklemmt, keine Scheu hat, von Haustür zu Haustür zu gehen. Angelika Volquartz ist bekannt in Kiel, sowohl als ehemalige Rektorin an der Freiherr-vom-Stein-Realschule als auch als Ratsfrau, Landtags- oder Bundestagsabgeordnete. So erkennen sie fast alle, als sie freundlich lächelnd vor ihren Türen steht und wünschen ihr Glück, eine Woche vor der Stichwahl gegen den eher als distanziert geltenden SPD-Kandidaten Jürgen Fenske, damals Geschäftsführer des Verkehrsunternehmens Autokraft. Fast hätte sie die Wahl bereits im ersten Durchgang gewonnen, wenige Tage, nachdem die CDU die SPD bei den Kommunalwahlen als stärkste Kraft abgelöst hat. Als erfahrene Wahlkampfstrategin läuft sie gerade in der Schlussphase zur Höchstform auf und trommelt für sich mit Werbe-Karten, auf denen sich kein Hinweis auf ihre Partei findet. Ihr Sieg macht bundesweit Schlagzeilen. Die Leute hätten genug von den Querelen in der Fraktion und straften die Kieler Genossen vor allem wegen der Agenda 2010 ab, die die rot-grüne Regierung in Berlin kurz vor der Wahl auf den Weg gebracht habe, heißt es in Erklärungen für die Wahlschlappe der SPD.

 Noch heute ist Volquartz überzeugt, dass sie es als Frau nicht schwerer hatte, sich in der von Männern dominierten Politik zu behaupten. Im Rathaus wurde sie viel besser empfangen als erwartet. Dabei verpassten ihr SPD-Landespolitiker schnell den aus ihrer Sicht „geschmacklosen und dämlichen“ Spitznamen „Püppi“ – wegen ihrer stets aus dem Ei gepellten Kleidung, der in Form gelegten blonden Haare und rot lackierten Findernägeln. Im OB-Wahlkampf wirbt die SPD unter dem Motto „Kompetenz statt Kostüm“ für ihren Kandidaten – ein weiterer Beleg dafür, wie sehr politische Gegner ihren Kampfgeist und ihre Durchsetzungskraft unterschätzt haben. Sie selbst versteht sich als eine Oberbürgermeisterin für alle Kieler, als eine Teamspielerin, die die Sacharbeit in den Vordergrund stellt und bereit ist, parteipolitische Grundsätze „angesichts der Realität“ schon mal beiseite zu schieben. Als Realität zeichnet sich nach einem Kassensturz etwa ab, dass die Zeiten ausgeglichener Haushalte vorbei sind. Der von ihr verordnete Sparkurs geht bis zur Schmerzgrenze auch ihrer eigenen Partei, vor allem, nachdem die Grünen – Premiere in einer Landeshauptstadt – auch auf Betreiben der neuen Oberbürgermeisterin als Bündnispartner mitregieren. Volquartz vollzieht einen Kursschwenk und stellt sich hinter die politische Forderung der Grünen, den Flughafen nicht auszubauen: „Es gab viele Schnittmengen mit den Grünen“, erinnert sie auch an das gemeinsame Ziel, die Kinderbetreuung zu erweitern und Kinder- und Familienfreundlichkeit auf die Agenda der Stadt zu setzen.

Kritiker werden mehr

 Große neue Projekte sind angesichts der Finanznot der Stadt mit Volquartz, die auch das Wirtschaftsdezernat übernimmt, nicht zu machen. Die Folge: Die Zahl der Kritiker schwillt auch in den eigenen Reihen an, vor allem als ihre Privatisierungsüberlegungen bei Stadtwerken und Hafen bekannt werden und sie die Erweiterung von CITTI unterstützt. Das Bild der Teamspielerin bekommt wegen umstrittener Personalentscheidungen Risse. Anerkennung findet sie dagegen für Ansiedlungserfolge wie Voith-Lokomotivenbau.

 Immer wieder setzt sie bei Konflikten auf die Kraft persönlicher Begegnungen, nutzt Kontakte in die Wirtschaft, wirbt für die Marke „Kiel Sailing City“, verstärkt die Kooperation zwischen Firmen und Hochschulen, macht sich bis heute als erfolgreiche Spendensammlerin für wohltätige Zwecke einen Namen in der Stadt. Als größten Erfolg wertet sie für sich neben der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein besseres Wirtschaftsklima geschaffen zu haben. In ihrer Amtszeit wird Kiel zum Kreuzfahrthafen Nummer eins, erfährt die Stadt als Ausrichterin prestigeträchtiger Segelwettbewerbe eine Aufwertung und startet der Wissenschaftspark durch. Auch wenn sie als Wirtschaftsdezernentin Angriffe unter anderem wegen ihrer Absage zum Flughafenausbau einstecken musste, „zeigt die Zeit aus meiner Sicht, dass es richtig war. Das Geld wäre sonst zum Schornstein raus.“ Bereut hat sie dagegen den Streit um die geplanten Sporthallen-Gebühren und das Erbbaurecht: „Das war ein Fehler“.

 Doch allein daran kann es nicht gelegen haben, dass die Amtsinhaberin nach sechs Jahren im März 2009 bei der Wiederkandidatur gegen ihren früheren Kämmerer Torsten Albig unterliegt. Wie erklärt sie sich die bittere Niederlage? Sie glaubt, dass viele wegen ihrer Favoritenrolle nicht zur Wahl gegangen sind und es schon besonderer Umstände bedarf, als Christdemokratin in einer SPD-Hochburg zu gewinnen. Die SPD hatte zuvor die Kommunalwahlen für sich entscheiden können und Unterstützung bei den Grünen für Albigs Kandidatur gefunden. Für ihre Amtszeit zieht Angelika Volquartz eine positive Bilanz: Kiel habe sich in eine wachsende Stadt verwandelt – mit einem Höchstmaß an sozialer Gerechtigkeit und Lebensqualität.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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Norbert Gansel wird 1997 Kiels erster direkt gewählter Verwaltungschef nach dem Krieg. Er machte die Belange der Stadt zu seinen eigenen – immer, auch wenn es nur um ein Volksfest ging. Der Sozialdemokrat war Oberbürgermeister aus Leidenschaft.

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