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Oberbürgermeister aus Leidenschaft

OB-Serie: Norbert Gansel Oberbürgermeister aus Leidenschaft

Norbert Gansel wird 1997 Kiels erster direkt gewählter Verwaltungschef nach dem Krieg. Er machte die Belange der Stadt zu seinen eigenen – immer, auch wenn es nur um ein Volksfest ging. Der Sozialdemokrat war Oberbürgermeister aus Leidenschaft.

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Norbert Gansel wollte eigentlich im Bundestag bleiben. Aber: „Man hätte es mir nicht abgenommen, wenn ich meine Stadt und meine Partei in dieser Situation sitzengelassen hätte.“

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Es war vor der Kieler Woche, die Buden für den Europäischen Markt standen schon. Auf dem sonst menschenleeren Rathausplatz machte sich eine einsame Gestalt im Abendlicht zu schaffen, klopfte an Wände, lugte unter Fahrzeuge. Norbert Gansel inspizierte, ob alles in Ordnung war.

 Dabei will er 1997 das Amt zunächst nicht. Gansel sitzt seit einem Vierteljahrhundert im Bundestag, erringt stets grandiose Wahlergebnisse, hat einen Namen in der Außen- und Sicherheitspolitik. Er möchte Abgeordneter bleiben. Doch für „seine“ SPD ist die Lage nach der Abwahl von Ex-OB Otto Kelling schwierig. Der Ruf der Stadt ist ramponiert, über Kiel wird gelacht, manchem Bürger ist das peinlich.

 Und dann ist da noch die neue Kommunalverfassung. Der Oberbürgermeister wird erstmals nach dem Krieg direkt gewählt und mit einer bisher nicht gekannten Machtfülle ausgestattet. Jetzt lautet die Frage nicht nur: Wie gut ist ein Neuer als Verwaltungschef? Sondern auch: Kommt er beim Volk an? Der Jurist Gansel ist populär. SPD-Kreischef Rolf Fischer bearbeitet ihn, die Prozedur dauert Monate und mutet manchmal an wie das Werben um eine etwas zickige Braut. Schließlich sagt er ja. „Man hätte es mir nicht abgenommen, wenn ich meine Stadt und meine Partei in dieser Situation sitzengelassen hätte“, erklärt der 75-Jährige. Bei der Direktwahl setzt er sich im ersten Wahlgang gegen sieben Mitbewerber mit 60,3 Prozent der Stimmen durch.

Große Erfolge, schwere Niederlagen

 Es folgen sechs Jahre, in denen Gansel die neuen Machtbefugnisse eines Oberbürgermeisters voll ausreizt. Es ist eine Zeit von großen Erfolgen für die Stadt, aber auch von schweren persönlichen Niederlagen. Am Ende steht das Zerwürfnis mit der SPD-Ratsfraktion – ein Schicksal, das er mit seinen Vorgängern zu teilen scheint.

 Was ist für ihn selbst das Wichtigste in seiner Amtszeit gewesen? „Es ging darum, die Stimmung in der Stadt zu verbessern und das Rathaus zu einem Ort der Identifikation für die Kieler zu machen“, antwortet Gansel. Der neue OB macht die Tore weit auf. Die Hochschulen, die Marine, die Gewerkschaften, die Wirtschaft, die Kirchen und der Sport sind nun herzlich willkommen. Er holt – trotz aller Warnungen, das könne nicht gutgehen – den THW zur Meisterschaftsfeier ins Rathaus. Und Gansel versucht, dem Segelsport sein elitäres Image zu nehmen. Das Ziel des Projekts „Kiel Sailing City“: Jedes Schulkind soll die Möglichkeit erhalten, segeln zu lernen.

 Schwieriger als die Klimaverbesserung wird die Haushaltssanierung. Der Sozialdemokrat geht als Privatisierer in die Stadtgeschichte ein. Ostseehalle, Kieler Wohnungsbaugesellschaft, Mehrheitsbeteiligung an den Stadtwerken, alles weg. Gansel beharrt, die Verkäufe seien nicht Selbstzweck, sondern Notoperationen gewesen – die der Rat fast einstimmig beschlossen habe. Ostseehalle? Hohe Sanierungslasten, die habe die Stadt nicht schultern können. KWG? Tief in den Miesen, sie habe angefangen, ganze Häuserreihen zu verkaufen. Stadtwerke? Sie hätten angesichts der Liberalisierung des Energiemarktes einen starken Partner gebraucht.

 Doch egal, wie man zu den Verkäufen im Einzelnen stehen mag: Der städtische Haushalt erholt sich. Denn Gansel setzt die Erlöse vor allem zur Schuldentilgung ein, statt die Hunderte von Millionen Mark für laufende Ausgaben zu verwenden. Seine Amtszeit steht für einen eisernen Sparkurs. Beim Ausscheiden des Oberbürgermeisters wird die Neuverschuldung um ein Drittel geringer sein als am Anfang. Er sagt: „Ich möchte mir nicht ausmalen, wie die Finanzsituation Kiels ohne diese Verkäufe heute wäre.“

 Ein Jahr nach seinem Amtsantritt wird die SPD durch das Ansehen des OB bei der Kommunalwahl nach oben gezogen. Sie erringt die absolute Mehrheit – allerdings mit nur einer Stimme. Damit beginnen die Probleme. Jetzt hat es Gansel mit einer Opposition in den eigenen Reihen zu tun. Als der treue Fraktionschef Jürgen Fenske 2000 seinen Posten abgibt und weitere Ratsmitglieder ausscheiden, bricht der Damm. Der OB bleibt zwar im SPD-Kreisverband der Superstar, aber die Fraktion spielt mehrheitlich nicht mehr mit. Trotz eines positiven Parteitagsbeschlusses verweigert sie die Zustimmung zum Bau eines Kongresszentrums an der Ostseehalle. Schließlich vereiteln Ratsmitglieder von SPD und Grünen zusammen mit der CDU die Wiederwahl von Gansels Stellvertreterin, der parteilosen Bürgermeisterin Annegret Bommelmann. Das muss er als Schlag in die Magengrube empfinden.

 2003 tritt Gansel nicht mehr an. Er ist jetzt 63 und könnte im Fall der Wiederwahl ohnehin nur noch zwei Jahre im Amt bleiben, würde dann in Pension geschickt. So sieht es damals die Kommunalverfassung vor. Aber der OB, der sechs Jahre lang die Identifikation mit der Stadt vorgelebt hat, fühlt sich auch „verbraucht“.

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