21 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Container für den Winter

Obdachlose in Kiel Container für den Winter

Ganz am Ende des Raums liegen abgegriffene Taschenbücher, daneben steht eine Duftkerze, die offenbar den strengen Geruch vertreiben soll. Vergeblich: Hier in einem der drei blauen, beheizten Containern suchen jetzt, wo die Temperaturen fallen, bis zu 18 Obdachlose in Kiel ein schützendes Dach über dem Kopf.

Voriger Artikel
Strom vom schwimmenden Kraftwerk
Nächster Artikel
Noch-Eigentümer duldet Nutzung

Gerwin Stöcken, Arne Leisner und Reiner Braungard (von links) besichtigten die Container für Obdachlose.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Seit einigen Tagen schließt die Stadt Kiel in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stadtmission die Container wieder auf – „eigentlich nur als „reiner Erfrierungsschutz“, um die Nacht überstehen zu können, wie Reiner Braungard von der Stadtmission sagt. Die zerknüllten Schlafsäcke auf den Isomatten, überquellende Kippen in farbigen Aschenbechern, dazwischen Plastiktüten mit Habseligkeiten und ein mitgebrachter kleiner Fernseher zeigen, dass alle sechs Schlafplätze belegt sind – offenbar nicht nur für eine Nacht. Hier haben sich diejenigen eingerichtet, die Platte machen. Obdachlos ist dabei nicht gleich wohnungslos. Die etwa 25 Männer, erzählt Braungard, hätten sich bewusst für ein Leben auf der Straße entschieden und verweigerten sich, aus welchen persönlichen Gründen auch immer, den deutlich besseren Unterkunftsangeboten. Im von der Stadtmission rund um die Uhr besetzten Bodelschwingh-Haus mit 60 Plätzen könnten sie jederzeit ein warmes Bett bekommen, müssten sich aber an Regeln wie etwa an ein Alkoholverbot halten.

 Während die Anzahl der Obdachlosen seit vielen Jahren stabil bleibt, stieg die Zahl der Wohnungslosen nach Angaben von Arne Leisner, Abteilungsleiter im Wohnungsamt, und Sozialdezernent Gerwin Stöcken um mindestens 20 Prozent an: Derzeit finden mehr als 600 Frauen und Männer, viele von ihnen mit Kindern, unfreiwillig keine eigene Bleibe. Sie leben mit Unterstützung der Stadt in Hotels, in Pensionen, in den nach Frauen und Männern getrennten Unterkünften der Stadtmission oder bei Bekannten. Ob Ärger mit dem Vermieter wegen Lärms, Suchtproblemen, psychischer Erkrankungen oder Mietschulden – Wohnungslose haben immer weniger eine Chance, auf dem angespannten Kieler Wohnungsmarkt eine bezahlbare Wohnung zu finden. Für Vermieter, so scheint es, stehen sie ganz unten auf der Skala. Sie konkurrieren mit der ebenfalls wachsenden Anzahl von Studierenden, neu Zugezogenen und Asylbewerbern, die nach der Anerkennung eigentlich die Gemeinschaftsunterkünfte verlassen sollten.

 Für die Stadt bedeutet das, dass sie sich länger als früher um Wohnungslose kümmern muss, bis diese eigene vier Wände gefunden haben. „Wir setzen uns ständig mit der Frage auseinander, wie viel Hilfe für sie richtig ist und wie ihre Selbsthilfekräfte gestärkt werden können,“ berichtet Stöcken. Waren in der Vergangenheit hauptsächlich alleinstehende Männer wohnungslos, ist der Anteil der Frauen mittlerweile auf mehr als 25 Prozent gestiegen. Eine Zahl, die Sorgen macht. Frauen brauchen besonderen Schutz, vor sexuellen Übergriffen und vor Übernachtungsprostitution.

 Die Container für die Obdachlosen bleiben, berichtet Leisner, jetzt bis April/Mai täglich von 16 bis 8 Uhr geöffnet und werden morgens gereinigt. Daneben stehen Dixi-Klos, drinnen gibt es Trinkwasser in Kanistern. Aus dem Fenster eines Containers dringt Gebell. Hunde, Möbel, Fernseher – eigentlich, so Leisner, widerspreche dies der in den Containern aufgehängten „Hausordnung“. Eigentlich.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

Events in Kiel

Veranstaltungen in Kiel
Aktuelle Termine, News, Infos.

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3