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Torsten Albig: Immer auf dem Sprung

OB-Serie Torsten Albig: Immer auf dem Sprung

Der Mann ist immer für eine Überraschung gut: Noch nicht einmal die Kieler Genossen haben erwartet, dass ihr Oberbürgermeister-Kandidat Torsten Albig im März 2009 Amtsinhaberin Angelika Volquartz (CDU) gleich im ersten Durchgang deutlich besiegen würde.

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Das RBZ Wirtschaft zählt für Torsten Albig zu seinen Lieblingsplätzen in Kiel. „Ich bin sehr stolz und froh, dass dies zu einem guten Ende kam“, sagt er heute.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Drei Jahre später gelingt es dem 49-Jährigen, als erster schleswig-holsteinischer Verwaltungschef aus dem Amt heraus Ministerpräsident zu werden. Gleichwohl gibt es das Vorbild Oskar Lafontaine. Der war Oberbürgermeister in Saarbrücken und dann Ministerpräsident des Saarlandes. Später wurde Lafontaine Bundesfinanzminister – mit dem Juristen Albig als Sprecher.

 Sprecher ist Albig auch 2002, und zwar der Dresdner Bank, bevor er als Stadtrat nach Kiel wechselt. Der Realitätsschock in einer verschuldeten Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit, steigenden Kita-Gebühren, maroden Schulen und Schwimmhallen lässt nicht lange warten. Aber schon als Kämmerer, der 2006 einen Haushalt mit einem geschätzten Rekorddefizit von 111 Millionen Euro einbringen muss, versteht Albig sich darauf, schlechte Nachrichten mit der Aussicht auf Besserung zu verpacken. Kurze Zeit wird er Sprecher von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Die Nachricht überrascht im Rathaus wie in der Partei ebenso wie die Aussage im Abschiedsinterview mit den KN: „In der Tat gibt es eine Aufgabe, für die ich von jedem Ort dieser Welt nach Kiel zurückkommen würde.“ Jeder versteht das Signal: Hier meldet ein beliebter Ex-Stadtrat Ambitionen auf die Macht im Rathaus an. Seine Familie wohnt weiterhin in Kiel-Suchsdorf.

Die schärfste Waffe ist die Rhetorik

 Seine schärfste Waffe bleibt das Wort: In Berlin als kompetenter, zuweilen bissiger und arrogant wirkender Sprecher bekannt, setzt sich der OB-Kandidat in Kiel zuerst gegen seinen parteiinternen Konkurrenten Gerwin Stöcken und später gegen seine frühere Dienstherrin Angelika Volquartz durch. Man lebe in Berlin wie in einem virtuellen Raumschiff, begründet er seine Bewerbung, als Verwaltungschef von 4400 Mitarbeitern politisch gestalten zu können. Der von den Grünen unterstützte Wahlkampf unter dem Motto „Bildung statt Straßen“ , erinnert er sich, war eine tolle Zeit. Die große Freude früherer Mitarbeiter über den Wahlsieg, die bekannten Abläufe und Themen – er habe als Verwaltungschef schnell das Gefühl gewonnen, „nach Hause gekommen zu sein“. Rhetorisch eloquent entwirft er Visionen für die Stadt 2020, schreibt sich auf die Fahnen, mit dem Bau regionaler Bildungszentren – das Projekt hatte noch Volquartz angeschoben – den Schülern eine andere Welt eröffnen zu wollen. In seine Amtszeit fällt auch die Entscheidung, ein Zentralbad an der Hörn zu bauen als Ersatz für die maroden Bäder. Die spätere Küstenkoalition im Land kann der Oberbürgermeister bereits im Rathaus bei der „Dänen-Ampel“ testen.

 Ob Alte Feuerwache oder „Nordlicht“ – die Innenstadt erhält in der kurzen Albig-Zeit einen Schub. Gaarden erfährt eine Aufwertung durch verschiedene Initiativen und Albig gelingt es, ein breites Bündnis für die umstrittene Ansiedlung von Möbel Kraft zu schmieden. Auch CDU und FDP stimmen dem Projekt zu. Doch zunehmend werfen die politischen Gegner Albig vor, ein Oberbürgermeister der Ankündigungen mit einem Hang zu Sonntagsreden zu sein, statt die Umsetzung anzupacken. Konsequente Verwaltungsreformen oder der Abbau des Schuldenbergs kommen nicht richtig voran. Auch intern wird der Ruf nach konkreten Handlungskonzepten lauter. Als eine der wenigen Niederlagen empfindet er im Rückblick, die Stadtregionalbahn nicht schneller vorangebracht zu haben: Das wäre ein Leuchtturmprojekt für Kiel, aber auch für die Region gewesen.

 Immer wieder bezeichnet er das Amt als den schönsten Job. Zum ersten Mal habe er sich als Politiker gefühlt, der hautnah mitbekomme, was die Leute vor Ort bewege: „Ein Oberbürgermeister gilt als allzuständig.“ Das Schönste sei gewesen, sagt er später, so viele Menschen kennengelernt zu haben, die sich ehrenamtlich für die Stadt einsetzten.

Verantwortung gegenüber der Partei

 Was treibt ihn dann aus dem Traum-Amt? Schon während seiner Amtszeit wird er mit dem Vorwurf konfrontiert, die Position nur als Sprungbrett zu nutzen. Als er ankündigt, sich dem Duell mit Ralf Stegner zu stellen, um SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl zu werden, ist das Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Sie werfen ihm vor, damit das im Rathaus gegebene Versprechen zu brechen, sechs Jahre im Amt zu bleiben. Albig aber verweist auf die „nicht vorhersehbaren Neuwahlen“ und die Verantwortung gegenüber seiner Partei, in der die meisten ihn als Hoffnungsträger sehen.

 Spricht Albig über Kiel, ist das nach wie vor ein Bekenntnis zu „einer der tollsten Städte Deutschlands, in der sich gut leben lässt.“ In seinem Büro erinnert nicht nur das aus dem Rathaus mitgebrachte Hufeisen und ein Bild von der Schwentine-Mündung an sein OB-Amt. Als er 2002 von Frankfurt in Richtung Kiel loszog, habe er Glückwünsche mit auf den Weg bekommen, in einer solch schönen Stadt wohnen zu können, erzählt er. Und die Kieler? So mancher habe ihn später eher verständnislos gefragt, wie er Berlin für Kiel habe eintauschen können. Die Kieler und Kielerinnen könnten ruhig selbstbewusster sein und Dinge mutiger angehen, findet er – als ehemaliger Oberbürgermeister und heutiger Ministerpräsident.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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Foto: Angelika Volquartz im Institut für Weltwirtschaft: Wirtschaft und Wissenschaft stärker zu verbinden, ist für sie eine Herzensangelegenheit. 2014 erhält sie die Ehrenbürgerwürde der Kieler Universität.

Als die CDU-Bundestagsabgeordnete Angelika Volquartz im März 2003 die Macht im Kieler Rathaus erobert, kommt dies einem politischen Erdbeben gleich. Die damals 56-Jährige bricht die mehr als ein halbes Jahrhundert währende SPD-Herrschaft über das Oberbürgermeister-Amt.

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