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Vom Wächter zum Kieler Ehrenbürger

"Onkel" Ludwig Vom Wächter zum Kieler Ehrenbürger

Dies ist die skurrile, aber am Ende doch tragische Geschichte eines Kieler Ehrenbürgers. Offiziell verliehen wurde ihm der Titel zwar nicht. Das besorgten die Kieler schon selbst, die Ludwig Goedecke ein bis heute gut sichtbares Denkmal in Form eines großen Bronze-Reliefs setzten.

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Auf dem Alten Markt bestimmte Onkel Ludwig jahrzehntelang, wo es für Autofahrer langging. Virtuos dirigierte er die Wagen in freie Parklücken. Auf dem im Januar 1951 entstandenen Foto sieht man im Hintergrund die vom Krieg gezeichnete Nikolaikirche ohne Dach.

Quelle: Stadtarchiv, Friedrich Magnussen

Altstadt. Doch wer war dieser von allen liebevoll „Onkel Ludwig“ titulierte Mann, der vor genau 50 Jahren Opfer eines brutalen Raubüberfalls wurde, an dessen Folgen er kurz darauf starb? Eine Spurensuche. Die Mütze etwas schief auf dem Kopf, die Zigarre im Mundwinkel unter dem buschigen Schnauzbart, den offenen Blick auf den Betrachter gerichtet: So wie auf dem von „dankbaren Kieler Bürgern gestifteten“ Bronzerelief sollte Onkel Ludwig der Nachwelt in Erinnerung bleiben. Dann erfährt der Betrachter noch, dass Onkel Ludwig ein „liebenswürdiges Kieler Original“ gewesen sei, von 1946 bis 1967 als Parkwächter auf dem Alten Markt wirkte und „dabei viel Gutes tat“. Was das genau bedeuten soll, steht dort nicht.

Die Kriegswirren rissen sie auseinander

Eine dieser guten Taten diente der Niederdeutschen Bühne 1999 als roter Faden eines plattdeutschen Theaterstückes über Ludwig Goedecke, dem Autor Hermann Bruhns damit ein literarisches Denkmal setzte. In dieser überlieferten Geschichte gelang dem Parkplatzwächter Ende der 50er-Jahre eine Art spätromantische Familienzusammenführung. Der Sohn eines amerikanischen Marineoffiziers hatte sich bei ihm auf Plattdeutsch nach einer Frau erkundigt, deren Namen er zwar kannte, aber nicht ihren Wohnort. Onkel Ludwig überlegte, schob die Mütze nach hinten, blies eine Wolke Zigarrendunst in die Luft und grinste.

Natürlich kannte er die Frau, die nur einen Steinwurf von seinem Arbeitsplatz am Alten Markt entfernt wohnte. Nun stellte sich heraus: Vor vielen Jahren waren der Vater des jungen Mannes und die Kielerin ein Liebespaar, wurden aber durch die Kriegswirren auseinandergerissen. Von ihrer gemeinsamen Tochter wusste der Offizier bei seiner Rückkehr in die Heimat nichts. Bis dessen später in den USA geborene Sohn in seiner Zeit als Kieler Austauschschüler mit Onkel Ludwigs Hilfe endlich die Jugendliebe des Vaters wiederfand – und seine (Stief-)Schwester gleich dazu.

Das sind die Bilder zu Parkplatzwächter "Onkel" Ludwig Goedecke am Alten Markt.

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Über Ludwig Goedeckes eigene Biografie findet sich in Archiven nur wenig. Geboren wurde er am 6. Januar 1886 in Kiel, hatte zehn Geschwister und arbeitete einige Jahre als Schiffbauer auf den Werften der Stadt. Als die extrem harte körperliche Arbeit seine Kräfte überstieg, fand er in 1920er-Jahren dann seine eigentliche Berufung als Wächter. Zunächst bewachte Goedecke Fahrräder am Rathaus. Und tat dies mit listiger Bauernschläue, die später sein Markenzeichen werden sollte. Wer sein Zweirad bei ihm abstellte, erhielt eine Nummer, die Onkel Ludwig umgedreht am Fahrrad befestigte. Kam der Besitzer zurück, begleitete ihn der Wächter, bis der Eigentümer sein Rad gefunden hatte – dem Aussehen nach, denn die Nummer war ja umgedreht. Hätte ja sein können, dass jemand mit einer falschen Nummer ein besseres Zweirad mitnimmt. Aber nicht mit Onkel Ludwig!

Sogar die Polizei war auf seiner Seite

Doch der Mann mit dem wuchtigen Schnauzer, der 1946 eine städtische Konzession zur Aufsicht über den Parkplatz auf dem Alten Markt erhielt, konnte auch stur sein. Jahrzehntelang weigerte er sich, Autofahrern amtliche Parkzettel auszuhändigen, sackte die Trinkgelder lieber einfach so ein. Selbst böse Briefe aus dem Rathaus mit Drohung des Konzessionsentzugs ignorierte er hartnäckig. Trotzdem ließ die Obrigkeit Onkel Ludwig gewähren. Seine Beliebtheit bei den Kielern schützte ihn offenbar.

Sogar die Polizei hatte er auf seiner Seite, wenn es wieder mal eng wurde. So klagte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung in einem Schreiben an ein Polizeirevier mit Datum vom 28. März 1958: Herr Goedecke treffe „nicht immer den richtigen Ton gegenüber parkenden Wagenbesitzern“. Außerdem bestehe der Verdacht, der Wächter habe gar keine Haftpflichtversicherung für mögliche Schäden an den geparkten Autos abgeschlossen. Die Polizeibeamten nahmen mit ihrem Antwortschreiben vom 8. April den Verdächtigen in Schutz: „Herr G. hat bislang immer den richtigen Ton getroffen. Die Ein- und Ausweisung der Fahrzeuge ist vorbildlich und wird mit großer Sorgfalt und Zuvorkommenheit ausgeführt. Nötige Versicherungen wurden bei der Agrippina-Versicherung abgeschlossen und bezahlt.“

Den Schnack gab's gratis dazu

Auf „seinem“ Alten Markt führte Onkel Ludwig in der Tat ein strenges Regiment, Widerspruch gegen seine Anweisungen duldete er nicht. Andererseits konnte er auch nachsichtig sein, wenn er Autofahrern auch dort noch einen freien Platz zuwies, wo sie selbst keinen mehr sahen. Er wusste offenbar genau, wo ein Wagen noch hinpasste. Und wie die eine oder andere Mark extra zu verdienen war, wusste er auch. So konnte man Onkel Ludwig nicht nur seinen Wagen, sondern auch Pakete anvertrauen. Die lagerte er für seine Kunden während ihrer Einkäufe in seinem kleinen Schutzhäuschen und rückte sie gegen ein kleines Trinkgeld wieder heraus. Den obligatorischen Schnack mit dem Kauz gab’s dann gratis dazu.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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