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„Notfalls mit einem Protestmarsch“

Ortsbeirat Gaarden „Notfalls mit einem Protestmarsch“

„Ein Raumproblem in Größenordnung einer neuen Schule“ machte SPD-Ratsherr Michael Schmalz im Verlauf der sehr nachdenklich, sehr engagiert und sehr sachlich geführten Diskussion des Ortsbeirats Gaarden über die Integration von Flüchtlingskindern im Stadtteil aus.

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Unterricht für junge Flüchtlinge: Jede Gaardener Schule hat im Durchschnitt fast 50 Daz-Schüler.

Quelle: Martin Geist

Kiel. Und er wurde von der städtischen Schulamtsleiterin Iris Diekelmann bestätigt. Eher früher als später braucht Gaarden auch aus ihrer Sicht tatsächlich eine zusätzliche zweizügige Schule.

Die einzige Baustelle im Zusammenhang mit dem verstärkten Zuzug von Flüchtlingen ist das im sozial ohnehin strapazierten Stadtteil beileibe nicht. Aus fast allen Zahlen, die an dem Abend vorgelegt wurden, ging hervor, dass Gaarden noch größere Herausforderungen zu bewältigen hat, als es fürs gesamte Stadtgebiet ohnehin gilt. Zwar gibt es in Gaarden abgesehen von der seit mehr als 20 Jahren bestehenden Einrichtung im Brook mit 100 Plätzen keine Gemeinschaftsunterkunft, dennoch leben von derzeit 3800 registrierten Flüchtlingen in Kiel knapp 800 in dem Ostufer-Zentrum. Die entsprechenden Wohnungen wurden laut dem für Wohnen und Grundsicherung zuständigen Verwaltungsmann Arne Leisner teils von der Stadt, teils von den Flüchtlingen selbst angemietet.

„Wir bemühen uns, die Menschen über die gesamte Stadt zu verteilen“, versicherte Leisner. Zugleich räumte er aber ein, dass sich die Stadt an ihre eigenen Regeln, sprich die Mietobergrenzen halten müsse. Was faktisch dazu führt, dass Flüchtlinge überwiegend auf dem Ostufer und in Mettenhof landen, wenn sie die Gemeinschaftsunterkünfte verlassen. Und das wiederum bedeutet: Bei 800 geflüchteten Neu-Gaardenern wird es angesichts der immer noch gewaltigen Enge in den großen Unterkünften gewiss nicht bleiben.

„Verfolgt die Stadt einen langfristigen Plan?“, wollte Ortsbeirätin Ute Kohrs (SPD) wissen und bekam zu hören, dass wieder eigene kommunale Aktivitäten auf dem Wohnungsmarkt geplant sind. Die Palette reicht vom Neubau bis zur Übernahme vorhandener Häuser und soll in jedem Fall die eigene Verwaltung der Wohnungen umfassen.

Dass dies auf die Schnelle der große Wurf sein kann, behauptete allerdings niemand. Ebenso verhält es sich mit Ideen zum Umgang mit der wachsenden Zahl von Kindergarten- und Schulkindern. Jugendamtsleiterin Marion Muerköster berichtete, dass nicht nur wegen des Flüchtlingsthemas im kommenden August 53 zusätzliche Krippenplätze und 61 weitere Plätze für Kinder zwischen drei und sechs Jahren benötigt werden. Ein Neubau sei „auf jeden Fall“ nötig, relativ konkret sind entsprechende Überlegungen schon für den Ernestinenweg.

Die Enge in den Schulen wird sich nach den Sommerferien ebenfalls verschärfen. Zwei Klassen mehr als in der von vornherein mit einem Wachstum kalkulierten Prognose müssen dann laut Iris Diekelmann eröffnet werden. Viel Zulauf kommt vor allem von den derzeit 227 Kindern, die in separaten Gruppen Deutsch als Zweitsprache (Daz) lernen und gewöhnlich nach einem Jahr in reguläre Klassen wechseln. Dieser Bereich macht zugleich deutlich, dass es ein Verteilungsproblem gibt. Drei Daz-Klassen laufen unter Regie der Hans-Christian-Andersen-Stadtteilschule, für fünf ist das Hans-Geiger-Gymnasium zuständig, ebenfalls jeweils fünf gibt es in der Fröbelschule und am Regionalen Berufsbildungszentrum (RBZ) Technik. Jede Gaardener Schule hat damit im Durchschnitt fast 50 Daz-Schüler, ähnlich drastisch sieht es im Kieler Norden aus, während andere Stadtteile mit diesem Thema so gut wie nichts zu tun haben. Gelänge es dagegen, die derzeit 1200 Daz-Schüler in Kiel gleichmäßig auf alle fast 60 Schulen der Stadt zu verteilen, wäre die Zahl noch nicht einmal halb so hoch.

Verwaltungsschelte betrieb der Ortsbeirat trotz der angespannten Lage in keiner Weise. Übereinstimmend forderten die Stadtteilvertreter dagegen, dass die Stadt mit lauterer Stimme von Bund und Land mehr Geld für Räume und Personal fordern müsse. Und das „notfalls auch mit einem Protestmarsch“.

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Jürgen Küppers zur Flüchtlingsproblematik in Gaarden

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