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Diskussionen bis in die Nacht

Ortsbeiratssitzung Suchsdorf Diskussionen bis in die Nacht

Enttäuschung macht sich im Sportlerheim des SSV breit. Nur wenige Minuten dauert die Sondersitzung des Suchsdorfer Ortsbeirats am Dienstagabend – dann bricht sie der Vorsitzende Reinhard Warnecke (SPD) ab. Viele Suchsdorfer bleiben trotzdem.

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Die Ortsbeiratssitzung in Suchsdorf wurde wegen Überfüllung des SSV-Vereinslokals nach wenigen Minuten abgebrochen. Stadtrat Gerwin Stöcken (Mitte) und der Ortsbeiratsvorsitzende Reinhard Warnecke (beide SPD) diskutierten anschließend mit aufgebrachten Bürgern vor der Terrassentür.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Mehrere Hundert Menschen sind gekommen, um sich über die angedachte Flüchtlingsunterkunft im Neubaugebiet Suchsdorf an der Au zu informieren. Zu viel für das Vereinsheim. Aber auch zwei Stunden nach der abgebrochenen Sitzung stehen noch etliche Anwohner zusammen und diskutieren die noch weitgehend unbekannten Pläne. Mitten unter ihnen ist auch Stadtrat Gerwin Stöcken (SPD), der eigentlich während der Sitzung Rede und Antwort stehen wollte. Rauchend steht er auf der Terrasse, enttäuscht vom Ausgang des Abends, und hört sich die Standpunkte einiger Anwohner an. Von einigen wird er hart angegangen. „Pöbeln Sie mich nicht an“, weist er sie zurecht. Doch vor allem sind es Ich-Botschaften, die Stöcken aussendet: „Ich bin nicht Frau Merkel, ich bin der Endabnehmer, ich bin der Stadtrat.“ Er könne nicht die Asylpolitik des Bundes ändern, er müsse handeln und den Menschen, die in Kiel ankommen, ein Obdach bieten. „Was ich Ihnen nicht ersparen kann, ist, dass wir eine Idee haben, über die ich mit Ihnen reden will.“ Und das lieber heute als morgen.

Verein sammelte bereits Fragen und Ängste

Anke Scharrenberg sieht das genauso – und macht Stöcken mit Nachdruck deutlich, dass sie das Areal für ungeeignet hält. „Die Kita hier ist schon überfüllt, unsere Grundschule ist die größte in ganz Schleswig-Holstein“, sagt sie. „Sie begründen Ihre Wahl mit der angeblich vorhandenen Infrastruktur, aber wir haben noch nicht mal einen Sportplatz oder ein Café. Die Argumente bisher sind keine Argumente.“

Bereits am Freitag hatte der Nachbarschaftsverein „Suchsdorf an der Au“ bei einem Treffen „Fragen und Ängste aus der Bevölkerung“ gesammelt, wie Katja Koser erklärt, deren Mann dem Verein vorsitzt. Herausgekommen ist ein 14-seitiger Fragenkatalog mit 54 Punkten. „Wir wollen, dass die schriftlich gestellten Fragen auch schriftlich beantwortet werden“, sagt Koser. Die Sitzung hätte ein Anfang sein können – nun sei unklar, wann es überhaupt Informationen gebe. „Man fragt sich, ob das nicht auch Taktik vonseiten der Stadt sein könnte.“ Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) spricht am Mittwoch von einer Gratwanderung für die Stadt. „Wenn wir, wie in Suchsdorf, mit einer Idee früh an die Öffentlichkeit gehen, machen wir die Leute wild. Kommen wir erst mit fertigen Plänen, gibt es erst recht Protest.“

Gutachten wird weiter diskutiert

Für Gesprächsstoff sorgte weiterhin ein umstrittenes Gutachten, das der Suchsdorfer Gesundheitsökonom Thomas Drabinski im Stadtteil verteilt hatte. Drabinski hat darin den zu erwartenden „Wohlfahrtsverlust durch das geplante Asylantenlager“ berechnet – sprich: den Wertverlust durch eine Unterkunft in der Nachbarschaft. In einer aktualisierten Version hat er seine Wortwahl zwar entschärft, Tanja Delor hält den Text dennoch für „komplett daneben“. Sie vermutet, dass der Verfasser dazu beitragen wolle, dass die Stimmung kippt. „Bei mir hat es das Gegenteil ausgelöst, ich sage: Jetzt erst recht.“ Anke Haas hingegen glaubt, dass der Text „den Zahn der Zeit getroffen“ habe. „Da hat sich jemand sehr geärgert, jemand, der solche Fragen gut bewerten kann, und es aufgeschrieben.“ Dass der Text überspitzt sei, räumt sie ein. Aber auch sie mache sich als Mutter von drei Kindern eben Sorgen.

Dass das Thema inzwischen jedes Gespräch im Stadtteil überschatte, berichtet die Ärztin Kerstin Kramer, die in Suchsdorf lebt und praktiziert. „Jeden Tag habe ich in meiner Praxis Leute, die sich aufregen“, erzählt sie Stöcken. „Man muss uns aber doch einbeziehen.“ Spätestens mit der geplanten Info-Veranstaltung am 6. Februar gibt es dazu einen neuen Anlauf. Stöcken weiß schon jetzt, was ihn dann erwartet.

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Ein Artikel von
Thomas Paterjey
Lokalredaktion Kiel/SH

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Foto: Die Hälfte stand noch draußen: Die Ortsbeiratssitzung in Kiel-Suchsdorf wurde am Dienstagabend wegen Überfüllung abgebrochen und vertagt.

Viele Suchsdorfer hatten damit gerechnet, der Vorsitzende zeigte sich überrascht: Weil zur außerordentlichen Ortsbeiratssitzung am Dienstagabend mehrere Hundert Menschen ins SSV-Sportheim kamen, wurde sie nach wenigen Minuten abgebrochen. Am Mittwoch soll ein neuer Termin bekanntgegeben werden.

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