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Von Anfang an ein echter Bürgerpark

Parkserie, Teil 2: Volkspark Von Anfang an ein echter Bürgerpark

Er heißt Volkspark, doch für viele Kieler ist es immer noch der Werftpark. Nicht ohne Grund, denn wie wohl kein anderer ist dieser weitläufige Park auf dem Ostufer mit der Kieler Werftgeschichte und den Werftarbeitern verbunden.

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Licht und Schatten im Volkspark: Der Mädchentreff hat hier vor zehn Jahren eine Anti-Gewalt-Spirale angelegt. Es war bundesweit das erste Mahnmal, das sich ausdrücklich auf Gewalt gegen Frauen bezieht.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Jann Stürzel hat es bei diesen sommerlichen Temperaturen gut. Das Haus mit seinem Büro liegt im Volkspark unter dem dichten Blätterdach von alter Flügelnuss und Kastanie. „Der alte Baumbestand“, sagt der Gärtnermeister und Abteilungsleiter im Grünflächenamt, „ist etwas Besonderes und zeigt, dass es ein Park mit Geschichte ist.“ Und mit was für einer. Kiel war 1871 Reichskriegshafen geworden, drei große Werften benötigten jede Menge Arbeiter. Doch Wohn- und Arbeitsverhältnisse in den ehemaligen Fischerdörfern Gaarden und Ellerbek waren schlecht, die Krankheitsausfälle deshalb groß. Schlecht für die Produktivität der Werften, schlecht für die Wehrkraft, befand Kaiser Wilhelms II. und ordnete Arbeiterausschüsse an, die für bessere Lebensbedingungen sorgen sollten.

 Die Arbeiter gründeten den „Wohlfahrtsverein für die Angehörigen der Kaiserlichen Werft“ und mussten erst einmal die Kasse füllen – unter anderem mit dem Verkauf von Kleidung und Lebensmitteln. Der Erlös bildete dann 1893 den Grundstock für einen Park in der unmittelbaren Nähe zu Werften und neuen Arbeitersiedlungen. Dazu wurde mit dem Aushub der Förde ein abwechslungsreiches Gelände mit deutlichen Höhenunterschieden geschaffen. Jahre später war auch vom Westufer das Prunkstück des Parkes sichtbar: das Werfterholungshaus mit Festsaal, Kegelbahn, Klubräumen und Holzveranda.

 „Damals war vieles anders als heute“, sagt Jann Sürzel und zeigt auf dem Weg durch die weitläufige Parklandschaft ein riesiges Staudenbeet. Wo heute Frauenmantel und Storchschnabel, Taglilien und Prachtspieren blühen, stand ursprünglich ein Tiergehege mit Vögeln und drei Bären. Die armen Tiere soll die kaiserliche Marine von Auslandsfahrten mitgebracht haben. Auch heute noch gibt es drei Bären in dem Park: Sie sind aus Holz, heißen Voller, Elly und Gaardy und wurden von Förster Stefan Bronnmann gefertigt.

 Nicht weit entfernt sitzt Henrika Michallek mit ihrer kleinen Tochter Sabrina auf einer Schaukel. Die Frau, die vor zwei Jahren aus Polen nach Gaarden gezogen ist, kommt jeden Tag hierher auf den Spielplatz mit dem großen Kinderplanschbecken im Volkspark. „Frische Luft und Bewegung tun uns beiden gut“, sagt die junge Mutter und beschreibt damit genau die Ziele, die auch der Städtebauer Willy Hahn und der Gartenarchitekt Leberecht Migge im Sinn hatten. Nach ihren Vorstellungen wurde der Park in den 1920er-Jahren zu einer Freizeitfläche für Sport und Spiel im Grünen umgebaut. Zuvor hatte die Stadt den Park übernommen – der Wohlfahrtsverein konnte nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches nicht mehr für den Erhalt sorgen. Für die Mauer an dem neu geschaffenen Spielplatz sollen übrigens auch Steine des Werfterholungshauses verwendet worden sein. Das Haus selbst wurde zu einem kleineren Jugenderholungsheim umgebaut.

 Im Nationalsozialismus wurde der Park in Horst-Wessel-Park umbenannt. Seit 1947 heißt er Volkspark. Nach den Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg musste er noch einmal erneuert werden, und zum 100-jährigen Bestehen erhielt er sein heutiges Gesicht. „Und noch immer ist es echter Bürgerpark“, sagt Jann Stützel und deutet auf Jogger, Hundebesitzer, Fußballspieler und Kitakinder, die einen Ausflug in den Volkspark machen.

 Natürlich gebe es auch Schattenseiten auf solch einem großen Gelände mit vielen lauschigen Ecken. Ein ewiger Streitpunkt unter den Nutzern seien freilaufende Hunde und die Besucher, die mit ihren Autos in den Park hineinfahren, dort Picknick und Grill auspacken und ihre Abfälle liegen lassen. „Wenn man aber sieht, wie viele Veranstaltungen hier stattfinden, überwiegen dennoch bei Weitem die positiven Parkerlebnisse.“ Dafür sorgen auch offizielle Besucher: Auf dem Weg zum Ausgang rollt ein Polizeiauto an uns vorbei.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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