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Von der bunten Seele der Esten

Partnerstädte Tallinn-Kiel Von der bunten Seele der Esten

Das muss gefeiert werden! Seit 30 Jahren sind die Städte Kiel und Tallinn (Estland) Partner. Mit einem Festakt im Ratssaal des Kieler Rathauses wurde am Donnerstagabend auf das Ereignis angestoßen.

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Ein Hoch auf 30 Jahre Städtepartnerschaft Kiel – Tallinn: Beim feierlichen Festakt waren auch Carl Eric Laantee Reintamm (Gesandter der estnischen Botschaft in Berlin), Tallinns Bürgermeister Taavi Aas, Alt-Oberbürgermeister Karl Heinz Luckhardt, Oberbürgermeister Ulf Kämpfer, Stadtpräsident Hans-Werner Tovar, Lauri Laats (stellvertretender Stadtpräsident, Tallinn) und Honorarkonsul Klaus-Hinrich Vater (von links) dabei.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Stadtpräsident Hans-Werner Tovar freute sich, dass so viele gekommen waren, um „das Jubiläum einer engen, einer lebendigen, einer ganz besonderen Freundschaft zu feiern“. Eigentlich sind Kiel und Tallinn schon viel länger verbunden. Um genau zu sein, 44 Jahre. Als 1972 die Landeshauptstadt die Olympischen Segelwettbewerbe ausrichtete, war Tallinn schon zur Stelle und guckte genau zu. Das Kieler Know-how war dann acht Jahre später die Grundlage, als die estnische Hauptstadt olympische Gastgeberin war. Dass die Kieler und die Esten tolle Partner sind, war damals schon klar. Die Unterzeichnung eines Vertrages über eine offizielle Städtepartnerschaft am 13. Mai 1986 war deshalb ein Selbstgänger.

Viel ist seitdem passiert. Und vieles hat sich verändert. „Inzwischen können wir so einiges von den Esten lernen“, sagt Henning Stademann am Rande des Festaktes schmunzelnd. Der 63-Jährige ist im Kieler Rathaus für die internationalen Beziehungen zuständig. „Die Ratsversammlung in Tallinn arbeitet völlig papierlos. Alle haben ein Notebook. Und die Bürger können per Handy wählen, die Parkuhr und andere öffentliche Leistungen bezahlen. Da sind sie uns weit voraus.“ Transparenz und frei verfügbare Informationen waren für Estland nicht immer selbstverständlich. Als die Partnerschaft begann, war Tallinn Hauptstadt einer sowjetischen Teilrepublik. Erst 1992 erreichte das Land die Unabhängigkeit und wurde demokratische Republik.

Kiel hat Tallinn auf den Weg geholfen

Die Kieler Bürger hatten gerade in der Umbruchphase mächtig Anteil daran, dass sich das Land so toll entwickelt. Fleißig wurden Gelder gesammelt, Spenden auf den Weg gebracht, Patenschaften übernommen, Aktionen für Kinderreiche ins Leben gerufen. „Der damalige Kieler Bürgermeister Karl Heinz Luckhardt war mit seiner Frau mit vollem Einsatz dabei“, erinnert sich Henning Stademann. „Er nahm sogar seine Gitarre und sammelte Spenden.“

Heute tausche man sich mehr auf Augenhöhe aus, so Stademann. Tiefbauer holen sich Tipps, Sozialberater informieren sich oder ein Busunternehmen schaut in Tallinn vorbei, um zu sehen, wie die Stadt einen kostenlosen Nahverkehr auf die Beine stellen konnte. Vor Kurzem waren auch Kieler Gärtner in Tallinn, um an einem „Flower Festival“ teilzunehmen. „Blumen spielen bei den Esten eine große Rolle“, sagt Stademann. „Vielleicht liegt es an der langen, dunklen Winterzeit dort. Selbst am Flughafen wird man meist schon mit Blumen empfangen.“ Auch die Volkslieder und das Singen gehöre untrennbar zu den Esten. „Wenn beim Sängerfest 33000 Menschen unter einer riesigen Kuppel gemeinsam singen, ist das kaum zu ertragen vor positiver emotionaler Wucht.“

Die Seele stimmt

Sowieso die Seele der Esten. „Die Chemie stimmt irgendwie immer“, sagt Henning Stademann, der schon oft in Tallinn war und noch öfter eine Delegation in Kiel begrüßt hat. „Man versteht sich unglaublich schnell. Und manchmal frage ich mich, wie es sein kann, dass ich einem Wildfremden so viele private Dinge erzähle.“ Die Sympathien beruhen auf Gegenseitigkeit. Im Ratssaal geht es nach den offiziellen Reden munter zu. Hans-Werner Tovar: „Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass das enge Band der Freundschaft niemals abreißt. Zunächst aber: Lassen Sie uns feiern. Feiern wir die enge, die lebendige, die ganz besondere Beziehung zwischen Tallinn und Kiel. Söpruse terviseks! – Auf die Freundschaft!“

Auch als es Häppchen und Sekt gibt, lässt Estlands Bürgermeister Taavi Aas das Kieler Gastgeschenk nicht aus den Augen. Es ist ein Bildband mit winterlichen Aufnahmen von Tallinn im Jahr 1926. In dem Jahr besuchte das deutsche Linienschiff „Hessen“ die estnische Hauptstadt. An Bord war der Kieler Marinefotograf Wilhelm Schäfer. Sein fotografischer Nachlass befindet sich im Archiv der Stadt Kiel. Ein Schatz, bestehend aus 6000 Glasplatten-Negativen.

Tallinn-Stand

Einen kleinen Eindruck von den Esten bekommt man zur Kieler Woche wunderbar am Tallinn-Stand. Der Schnaps „Vana Tallinn“ schmeckt unglaublich, das estnische Bier aber auch und die Menschen hinterm Tresen sind gut drauf. Früher war auch noch der Bildhauer Tauno Kangro mit dabei. Der stattliche Wikingertyp malte die Besucher, verkaufte kleine Ton- und Gussarbeiten. Inzwischen ist er der berühmteste Bildhauer Estlands und hat kaum noch Zeit. Aber vorm Kieler Opernhaus sitzt noch ein lachender Troll von ihm. Der freut sich bestimmt diebisch, wenn er die Sprache seiner Heimat hört.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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