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„Bei diesem Elend kann man nicht aufhören“

Peter Maffay im Interview „Bei diesem Elend kann man nicht aufhören“

Vor drei Jahren hatte sich Tabaluga endgültig von seinen Fans und der Musical-Bühne verabschiedet. Jetzt kommt der kleine grüne Drache mit dem großen Herzen wieder zurück – auch nach Kiel.

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Jetzt sind sie doch wieder zusammen und gehen ab Herbst 2016 auf Tour: Peter Maffay, Tabaluga und der Glückskäfer. Titel der mittlerweile sechsten Geschichte um den kleinen grünen Drachen und seinen Widersacher Arktos: „Es lebe die Freundschaft!“

Quelle: hfr

Mit einer Botschaft, die in Zeiten von Pegida und Grenzabschottungen fast trotzig klingt: „Es lebe die Freundschaft!“ Im Gespräch mit unserem Redakteur Jürgen Küppers erklärt Tabalugas musikalischer Übervater Peter Maffay, warum diese Produktion zwar zu seinen wichtigsten zählt, die Musik trotzdem nicht mehr an erster Stelle in seinem Leben steht.

Warum genießt Tabaluga nach fast 30 Jahren Showgeschäft jetzt nicht einfach seinen Ruhestand?

Zum Beispiel aus Gründen, die man jeden Tag im Fernsehen sieht. Angesichts dieses ganzen Elends kann man nicht einfach aufhören. Aber wenn wir das weiter so machen wollen, brauchen wir bald einen Ersatzmotor, der in Zukunft alles am Laufen hält. Denn irgendwann kann ich das so nicht mehr machen.

Tabaluga ohne Maffay? Wie soll das funktionieren?

Das müssen wir schauen. Wenn wir Glück haben, ist die Etablierung von Tabaluga als Marke, zum Beispiel in Filmen, der Schlüssel dafür. Die Absicht ist, meine Stiftung von mir unabhängig zu machen. Der einzige Weg ist die Auswertung der Tabaluga-Rechte. Um die ganzen Aktivitäten der Stiftung für etwa 1200 Kinder pro Jahr am Laufen zu halten, brauchen wir etwa eine Million Euro pro Jahr. Im Augenblick läuft Vieles über Spenden, Zustiftungen, weil ich da bin und an meiner Person aufhängen kann. Aber wenn ich das eines Tages nicht mehr kann, wäre das alles zu Ende. Das darf nicht passieren.

Vor drei Jahren haben Sie beim Tabaluga-Konzert in Kiel den endgültigen Bühnen-Abschied des kleinen Drachen verkündet. Jetzt ist er doch wieder da. Wie kam’s?

Vor drei Jahren sah es noch nicht so aus, als wenn wir die Rechte an Tabaluga hätten erwerben können. Und ohne die Rechte würde der eben erläuterte Plan nicht funktionieren. Es gab viele Bewerber aus der Industrie, die auch großes Interesse an der Tabaluga-Figur hatten. Jetzt haben wir die Rechte erworben und Tabaluga-Enterprises gegründet. Dabei geht es vor allem um Lizenzgeschäfte. Jetzt lernen wir auf brutale Weise, wie man das macht. Das ist ein komplexes, hartes Geschäft. Insofern sind wir jetzt ein Rock’n’Roll-Unternehmen – auch mit einer sozialen Ausrichtung.

Kommen wir zur aktuellen Show. Erwartet das Kieler Publikum wieder so eine aufwendige Tabaluga-Inszenierung mit Satelliten-Bühnen, jeder Menge Tänzern und Kostümen?

Grundsätzlich wird das wieder so sein, denn das Konzept hat sich bewährt. Ein Rock-Musical dieser Art in großen Hallen würde nicht funktionieren mit nur einer Bühne. Wir spielen natürlich wieder live. Tänzer, jede Menge Kostüme und eine aufwendige Lichtshow gehören genauso dazu wie der Regisseur der letzten Show vor drei Jahren, Rufus Beck.

Auf dem gerade erschienenen Tabaluga-Album ist ja die erste Garde deutscher Musik-Prominenz von Udo Lindenberg bis Helene Fischer zu hören. Wer von ihnen wird bei der neuen Tabaluga-Tour mit dabei sein?

Es ist gut möglich, dass der eine oder andere von den Album-Gästen Bock darauf hat, mal ein Wochenende mit uns auf der Bühne zu stehen. Aber wir werden nicht alle dazu bewegen können, schon gar nicht über die ganze Tour hinweg. Das wäre weder terminlich noch finanziell machbar.

In der neuen Tabaluga-Folge steht das Thema Freundschaft im Mittelpunkt. Sie sagen: Thematisch sei das die wichtigste Tabaluga-Produktion. Warum?

Weil jetzt das passiert, was eben passiert. Es war ja auch keine Marketing-Überlegung, ausgerechnet jetzt das Thema Freundschaft nach vorne zu bringen, wo die Flüchtlinge hier sind. Es wäre viel besser gewesen, wir hätten einfach das Album gemacht und wir hätten diese Probleme nicht.

Aber jetzt haben wir die Probleme. Was hat uns Tabaluga dazu zu sagen?

Ich glaube, wir liefern mit Tabaluga einen echten Diskussionsbeitrag zum Thema Freundschaft, Respekt oder Kompromissbereitschaft. In Spanien auf unserer Finca bin ich selber Ausländer. Ich möchte schon, dass mich die Mallorquiner mit Respekt behandeln. Es gab und gibt aber welche, die das nicht tun. Genauso, wie es bei uns Leute gibt, die es nicht tun. Manchmal stand auf Häuserwänden in spanischer Sprache: Deutsche raus! Das hat natürlich damit zu tun, dass auf Mallorca jede Menge Grundstücke gekauft wurden. Dabei sind die Mallorquiner ein extrem gastfreundliches Volk. Aber es gab diese Überhitzung nun mal. Jetzt hat sich da vieles wieder beruhigt.

Wie gehen Sie mit Fremdheit und Freundschaft um?

Zu unserer Mannschaft auf der Finca gehören auch Muslime. Die haben sogar meine kleine Kapelle mitgebaut. Die beten darin zwar nicht, aber sie haben sie mitgebaut. Das macht man nicht, wenn man Feindschaft lebt.

Goethe hat mal gesagt: Ein Großer kann Freunde haben, aber nicht Freund sein. Können Sie Freund sein?

Das betrifft nur die Großen, ich bin 1,68. Also habe ich das Problem nicht.

Aber Sie sind 300 Tage im Jahr unterwegs. Da bleibt so gut wie keine Zeit zur Pflege echter Freundschaften.

Ich habe das Glück, mit sehr vielen Leuten in Kontakt zu kommen. Aus diesem großen Angebot kann ich mehr Freunde ziehen als andere oder mich selbst als Freund anbieten. Freundschaft geht nur über Begegnung. Telepathische Freundschaft kenne ich nicht.

Haben Sie Freunde, auf die Sie sich wirklich hundertprozentig verlassen können?

Ja, die gibt es. Eigenartigerweise sind das auch welche, denen ich manchmal gerne den Hals umdrehen würde. Und umgekehrt. Darunter auch Freunde, die mit Musik nichts zu tun haben. Wie zum Beispiel ein Sozialarbeiter, der hier im Nachbarort traumatisierte Kinder in stationären Einrichtungen betreut. Mit ihm bin ich seit 15 Jahren eng befreundet.

Warum ist Ihnen das Wohl von Kindern so wichtig? Wollen Sie etwas zurückgeben, vielleicht sogar abarbeiten?

Wissen Sie: Ich fand das immer klasse, wenn ein kleiner einem großen Boxer aufs Maul gehauen hat. Ich will nicht, dass Kinder darunter leiden müssen, wenn sie nicht dieselben Chancen wie andere bekommen. Die Ungleichheit bedrückt mich, sie tut mir weh. Wir sind alle mit diesem Recht auf Chancengleichheit auf die Welt gekommen. Weil das aber nicht so ist, muss man zumindest versuchen, das ein Stück weit zu ändern. Dies zu erreichen, fordert viel Kraft. Aber es gibt mir noch mehr mentale Energie zurück.

Das klingt nach einem Prioritätenwechsel im Leben von Peter Maffay.

Das kann man so sagen. Früher dachte ich: Es gibt nichts Wichtigeres als Musik. Dann habe ich festgestellt, dass andere Sachen doch wichtiger sein können. Zwei Drittel der Zeit sind wir für die Stiftung unterwegs. Aber so ganz ohne Musik würde die Stiftung eben doch nicht laufen.

Nicht so bescheiden. Immerhin haben Sie es ganz nebenbei mit dem Tabaluga-Album wieder mal bis ganz nach oben in die Charts geschafft. Zum 17. Mal in Ihrer langen Karriere, absoluter deutscher Rekord.

Die ganzen Nummer-1-Geschichten der vergangenen Jahre sind nicht unbedingt passiert, weil die Alben so wahnsinnig gut waren.

Sondern?

Weil wir sehr fleißig waren mit jeder Menge Promotion und Konzerten. Es gibt andere Alben, die sind rein musikalisch gesehen genauso gut oder sogar besser. Trotzdem schaffen sie es aber nicht bis ganz nach oben, weil die Bands nicht hart genug gearbeitet haben, um dem Publikum möglichst nahe zu sein. Natürlich geht es auch anders, entspannter. Aber dann muss man eben mit den entsprechenden Ergebnissen auch zufrieden sein.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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