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Auf die Dosis kommt es an

Pfeifenmacher aus Kiel Auf die Dosis kommt es an

Gerade erst ist ihm einer seiner wichtigsten Kunden abhandengekommen: „Günter Grass hat bei mir immer seinen Tabak bestellt, das war ein sehr angenehmer Kontakt“, sagt Herbert Motzek. Der 69-Jährige ist Kiels einziger Pfeifenmacher. In diesem Jahr feiert er 40-jähriges Firmenbestehen.

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Herbert Motzek ist eher durch Zufall zum Pfeifenmachen gekommen. Mittlerweile ist er seit 40 Jahren mit seinem Handwerk in Kiel aktiv. Mit seinen 69 Jahren denkt er immer lauter übers Aufhören nach. Gäbe es nicht ein Problem: „Ich kann so schlecht loslassen.“

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Eigentlich ist Herbert Motzek Glasmaler. „Aber damit konnte man in den 60er-Jahren kein Geld verdienen“. Selbst Pfeifenraucher als Jugendlicher, entstand in ihm langsam die Idee, dass eine künstlerische Tätigkeit auch durchaus die Pfeifenmacherei sein könnte. Einen zusätzlichen Grund gab es obendrein: Während der junge Herbert als Schlafwagenschaffner jobbte, lernte er Liezzi kennen – eine gebürtige Dänin, die es wieder in den Norden zog. Und der er folgte. Und die auch ein Grund dafür ist, dass stets der Danebrog, die dänische Flagge, vor seinem Geschäft am Knooper Weg weht.

Während draußen der Verkehr brummt, herrscht bei Motzek im Geschäft eine entspannte Atmosphäre. Die Türglocke klingt leise nach, Smooth Jazz dudelt durch die Räume, hinterm Tresen stapeln sich die Tabak-Dosen bis zur Decke, der begehbare Humidor plätschert leise vor sich hin. Und mittendrin steht Herbert Motzek mit einer Pfeife in der Hand. „Wenn ein neuer Kunde kommt, überlege ich mir immer, welche Pfeife wohl bei ihm gut aussehen würde.“

Er ging bei berühmten dänischen Pfeifenmachern in die Lehre, wie Viggo Nielsen zum Beispiel, und mit Poul Winslow verbindet ihn bis heute eine tiefe Freundschaft: „Der ist auf dem Gebiet eine Koryphäe. Obwohl ich von ihm gelernt habe, hat es gedauert, bis ich mich traute, meine eigenen Pfeifen zum Verkauf anzubieten.“

Sigfried Lenz, Vanessa Mae, Herbert Wehner, Vicky Leandros, Blacky Fuchsberger – Motzek denkt nach und seufzt wehmütig. „Was habe ich hier im Laden viele Leute gehabt“. Vor allem Kreative griffen lange Jahre zur Pfeife. „Der Blick in den Rauch, das Nachdenken und Überlegen dabei, das Besinnen und die bewusste Auszeit – das hat Künstler inspiriert“, sagt Motzek philosophisch, während er an seiner Pfeife saugt. Mit dem Tabak-Konsum hält er es ganz gemächlich mit Paracelsus: „Auf die Dosis kommt es an“, sagt er und stößt eine weitere kleine Rauchwolke aus.

In Berliner Szenekneipen transportieren junge Hipster Pfeifen in ihren Jutebeuteln hin und her. Aber ob sich dieser Trend auch im übrigen Land durchsetzt? Kiel hat er jedenfalls noch nicht erreicht. Motzek setzt verstärkt auf seine Stammkunden. „Pfeife rauchen ist immer wieder mal Trend, aber politisch nun mal nicht korrekt. Deswegen tun es auch viele öffentliche Personen heimlich.“ Die Zeiten, als Helmut Kohl noch mit seiner Pfeife auf dem Wahlplakat zu sehen war, sind lange vorbei. „Früher war die Pfeife ein Symbol für Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit.“ Heute sei die Gesellschaft gesundheitsbewusst und setze auf Fitness bis ins hohe Alter. „Da passt die Pfeife nicht dazu.“ Mit seinen 69 Jahren denkt Herbert Motzek immer lauter übers Aufhören nach. Gäbe es nicht ein Problem: „Ich kann so schlecht loslassen.“

Jedes Jahr erschafft er 40 bis 50 Exemplare, jeweils acht Stunden benötigt er vom ersten Schnitzen bis zur fertigen Pfeife. Manchmal auch sehr viel länger: „Ich habe eine Pfeife, an der ich seit fast 13 Jahren arbeite. Die wird vielleicht mein Meisterstück.“ Durch die Holzeinschlüsse könne sie ein sogenanntes Bird Eyes Perfect werden – eine Pfeife mit nahezu perfekten Holzeinschlüssen, die mit viel Fantasie an Augen erinnern. „Aber ich traue mich nicht richtig, sie fertigzustellen, weil sie dann vielleicht noch kaputt geht.“

Die Pfeifenköpfe bestehen aus Bruyèreholz– rötliches Holz der unterirdisch wachsenden Maserknolle der Baumheide. Tagsüber nimmt das Holz Feuchtigkeit auf, nachts gibt es sie wieder ab – eine Eigenschaft, die den Pfeifenkopf geschmeidig und glänzend erhält und das Holz nicht brüchig werden lässt. Aus den Knollen arbeitet der Meister den Kopf der Pfeife heraus, bohrt und poliert, und ans Ende kommt ein Beißstück aus Kautschuk – das auch am häufigsten repariert werden muss. „Die Lieblingspfeifen sind meist die, die am unschönsten und abgekautesten sind“, sagt Motzek und zeigt das zerbissene Mundstück einer Reparaturarbeit: „Weil man beim Nachdenken so schön darauf herummahlen kann.“

Die edlen handgefertigten Modelle stehen vorne im Laden – auch einige kunstvoll geschnitzte Meerschaumpfeifen sind darunter. Es handelt sich bei Meerschaum um ein seltenes Magnesiumsilikat, das sich aus Kieselerde, Bittererde und Wasser zusammensetzt. „Für Meerschaum hat nur Österreich nach den Türkenkriegen das Recht erhalten, aus der Türkei Meerschaum zu beziehen und zu verarbeiten. Andere europäische Länder dürfen das nicht.“

Im begehbaren Humidor lagert Herbert Motzek seine Zigarren – von klein bis Unterarm-lang – und als großer Kuba-Fan sämtliche Cuba-Zigarren, die in Deutschland käuflich sind. „Zigarren kaufen die Menschen meist für verwegene Momente – für Hochzeiten, Junggesellenabschiede und Geburten.“ Den Tabak mischt Ehefrau Liezzi selbst, aber nicht „mit irgendwelchen Geschmäckern oder so. Die Leute müssen sagen: ‚Das schmeckt nach Motzek.‘ Dann passt es.“

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