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Für die große Liebe ist es nie zu spät

Pflegeheim Blocksberg Für die große Liebe ist es nie zu spät

„Irgendwie hat es bei uns beiden eingeschlagen wie der Blitz!“, sagt Heidemarie Welter und guckt Paul Diedrich verliebt an. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, könnte man meinen. Wenn wir nicht gerade im Seniorenheim wären. Heidemarie Welter ist 73 Jahre alt und Paul Diedrich 81.

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Späte Liebe: Heidemarie Welter (73) und Paul Diedrich (81) sind frisch verliebt. Die beiden haben sich Anfang Dezember im Pflegeheim Blocksberg kennengelernt und sind seitdem unzertrennlich.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Mit dem Thema „Männer“ war Heidemarie Welter eigentlich schon lange durch. „24 Jahre war ich verheiratet, bis ich herausfand, dass mein Mann auch noch in Amerika eine Frau hatte“, erzählt sie. 1988 folgte die Scheidung. „Danach habe ich mein Leben alleine genossen.“ Sie reiste in der Welt herum, machte Kampfsportkurse, lernte Pistolenschießen. Erst eine Leberzirrhose – hervorgerufen durch ihre Epileptiker-Medikamente – katapultierte sie am 9. Dezember vergangenen Jahres aus dem prallen Leben hinein ins Pflegeheim Blocksberg. „Drei Tage nach meiner Ankunft bin ich das erste Mal runter in den Speisesaal zum Essen gegangen, und da sah ich ihn“, erzählt sie. „Oh, was für ein schöner Mann“, war ihr erster Gedanke. Und auch Paul Diedrich traf Amors Liebespfeil. Schon am nächsten Tag waren sie ein Paar und verkündeten das auch gleich im Heim. „Wir wollten den anderen den Wind aus den Segeln nehmen“, sagt er schmunzelnd. „Paul hatte noch mehr Bewerberinnen“, fügt Heidemarie Welter hinzu.

 Seitdem verbringen sie die Tage gemeinsam. „Wir haben den gleichen Humor. Ergänzen uns perfekt. So etwas Schönes habe ich noch nicht erlebt“, schwärmt Heidemarie Welter. „Nur ein neues breiteres Bett bräuchten wir dringend“, sagt sie lachend. „Neulich hätte ich Paul fast aus Versehen rausgeschubst.“ Wenn sie ihre Ruhe haben wollen, hängen sie einfach ein Schild mit „Bitte nicht stören“ draußen an die Tür. Ein Geschenk der Pflegedienstleitung, die die Turteltauben nicht überraschen wollte. „Wir schmusen und kuscheln gerne zusammen“, sagt Paul Diedrich. „Aber eigentlich bringt mit Heidemarie alles Spaß.“

 Im Bett liegend lieben sie es, Hörbüchern zu lauschen. Gerne Historisches wie die „Die Tataren“, „Das Bernsteinamulett“ oder „Die Wanderhure“, aber auch „Harry Potter“ ist dabei. Manchmal bringt Paul Diedrich 50er-Jahre-Schlager aus seinem Zimmer ein paar Türen weiter mit. Er mag James Last oder Die Flippers, während sie durchaus auch mal die Backstreet Boys auflegt. Heidemarie Welter ist ausgebildete Krankenschwester und Altenpflegerin, Paul Diedrich ist gelernter Bäcker, hat aber später als Isolierer bei HDW gearbeitet. Zu erzählen haben sich die beiden eine Menge. Auch über ihre Töchter oder über Paul Diedrichs Frau, die vor zweieinhalb Jahren verstarb.

 Wenn man die beiden im Pflegeheim sucht, sind sie oft mit ihren Rollatoren auf dem Swutsch. „Früher hab’ ich mich nicht mehr alleine heraus getraut“, sagt Paul Diedrich und schaut seine Heidemarie verliebt an. „Aber zu zweit erkunden wir nun die Welt.“ Ihr nächstes Projekt ist ein Ausflug zu einem Goldschmied. Sie wollen sich Freundschaftsringe anfertigen lassen. Und im Badezimmer steht schon ein Bügelbrett. Damit wollen sie ihr Einzelbett zum provisorischen Doppelbett umbauen. „Da werde ich noch dran basteln müssen“, sagt Paul Diedrich zuversichtlich. Ein neues medizinisches Ehebett wäre viel zu teuer und zahle auch keine Krankenkasse.

 Doch die beiden stört das alles nicht. Für frisch Verliebte ist schließlich überall das Himmelreich auf Erden.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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