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„Eine wahnsinnige Bereicherung“

Stadt sucht Pflegefamilien „Eine wahnsinnige Bereicherung“

Die Stadt Kiel sucht dringend Pflegefamilien. Wer dafür infrage kommt und was eine Pflegefamilie mitbringen muss, erfuhren wir im Interview mit Edda Lilienfein, Leiterin des Pflegekinderdienstes und der Adoptionsvermittlung im Kieler Jugendamt. Familie Severin erzählt zudem von ihrem Alltag als Pflegefamilie.

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Sie werden Mama und Papa genannt und fühlen sich auch so: Christina und Severin Fürstenberg aus Kiel haben zwei Langzeit-Pflegekinder aufgenommen und genießen jede Minute mit den beiden.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Ein schmuckes Reihenendhaus am Rande von Kiel. Vor den Eingangsstufen liegen gesammelte Strandmuscheln. Unterm Klingelknopf hängt ein Schild mit einer lachenden Strichmännchenfamilie. Hier wohnen Christina und Severin Fürstenberg (beide 43) mit Max und Maja (Namen geändert). Eine Familie, die der Zufall zusammengeführt hat. Vor viereinhalb Jahren entschied sich das Ehepaar für Pflegekinder.

Fröhlich öffnet uns Christina Fürstenberg die Haustür. „Mein Mann kommt gleich mit den Kindern“, sagt sie entschuldigend. „Er holt sie gerade vom Kindergarten ab.“ Kaum gesagt, fährt auch schon Severin Fürstenberg vor. Munter stiefelt Max (4) die Eingangstreppe hoch und begutachtet erst einmal interessiert den Besuch. Eine etwas knatschige Maja (2) sucht auf dem Arm von Papa Schutz. „Auf einer Schlechte-Laune-Skala von eins bis zwölf sind wir gerade bei zehn angekommen“, sagt er. „Vermutlich hat sie nicht genug geschlafen.“ Vorbei geht es an vielen Fotos im Eingangsbereich. Mal schauen zwei Blondschöpfe vergnügt in die Kamera, mal wurde die gesamte Familie hüpfend auf dem Sofa abgebildet. An einem Mobile hängen Kinderbilder von Max. „Wir feiern jedes Jahr den Ankommtag der Kinder“, sagt Christina Fürstenberg. „Hier auf den Fotos ist es der zweite.“

Im offenen Wohn- und Essbereich ist der Kaffeetisch schon gedeckt. Zur Feier des Tages durfte sich Max auf dem Weg nach Hause Hustenlollis aussuchen. Kaum ist er auf seinen Kinderhochstuhl gestiegen, steckt auch schon einer im Mund. „Mmm, die sind kinderscharf“, sagt er und lacht. Während Apfelsaft eingeschenkt wird, erzählen seine Eltern, wie sie zum Kinderglück kamen. „Eigene Kinder wollten nicht kommen, für eine Adoption waren wir irgendwann zu alt“, erzählt Severin Fürstenberg. Vom Pflegekinderdienst erfuhren sie dann von der Möglichkeit, Pflegefamilie zu werden. „Wir besuchten ein Seminar und waren uns schnell einig“, so Christina Fürstenberg. Ihr Mann ergänzt: „Nur bei dem ,Ich-mach-mich-nackig-Lebenslauf’ wurde ich dann doch nachdenklich. Sind wir den Aufgaben wirklich gewachsen? Und mit welchen Eltern kommen wir zurecht?“

Für Christina Fürstenberg, die gelernte Hebamme ist und zurzeit halbtags beim Frauenarzt arbeitet, war schnell klar: „Leibliche Eltern, die ihren Kindern etwas Böses angetan haben, kommen nicht infrage.“ Als Pflegefamilie bekommt man nämlich zusätzlich zum Kind die leibliche Familie gleich obendrauf – nähere Angaben zur Herkunft müssen zum Schutz der Kinder geheim bleiben. Rund einmal im Monat kommt Max’ Mutter vorbei, auch zum Geburtstag und zur Weihnachtszeit ist sie da. „Das läuft wirklich toll“, ist Christina Fürstenberg erleichtert. Doch noch einmal zurück zu den Anfängen. Kaum war das Bewerbungsverfahren für eine Dauerpflege abgeschlossen, kam auch schon Max ins Spiel. „48 Stunden nach dem Anruf saßen wir mit seiner Mutter beim Pflegedienst. Max war da gerade vier Monate alt“, erinnert sich Christina Fürstenberg. „Das war schon brutal. Nach dem Anruf hab’ ich keine Minute mehr geschlafen.“ Ein Kinderbett wurde gekauft, Windeln, Kleidung in verschiedenen Größen. „Wir wussten ja nichts von ihm. Nur sein Alter, und dass er gesund ist.“ Bei der „Übergabe“ mit der Mutter sei dann die Angst und die Anspannung bei allen zu spüren gewesen. Doch 20 Minuten und etliche Tränen später waren die Fürstenbergs Pflegeeltern.

„Im Auto mussten wir erst herausfinden, wie man einen Maxi-Cosi anschnallt“, erzählt Severin Fürstenberg, der Inhaber eines Küchenstudios ist. „Kaum zu Hause, hab ich Max gefüttert, und dann schlief er auf meinem Bauch ein. Das war lange Zeit das erste und letzte Mal, dass er durchschlief.“ Was nun begann, sei eine harte Zeit gewesen. „Wir rochen anders, die Geräusche kannte er nicht. Alles war ungewohnt für Max“, so der 43-Jährige. „Wir hatten unterschätzt, dass jedes Kind – auch ein Baby – schon einen Rucksack dabei hat.“ Erst als Max drei Jahre alt war, hätten die extremen Schlafprobleme aufgehört. „Unsere Entscheidung haben wir aber nicht eine Sekunde infragegestellt.“

Am 29. Januar 2014 kam dann Maja. „Eine Stunde nach der Anfrage waren wir Pflegeeltern von zwei Kindern“, sagt Christina Fürstenberg. Drei Wochen alt war Maja da. Sie war unterernährt, aß nicht, schrie ständig, und der Kontakt mit den leiblichen Eltern entpuppte sich als „extrem schwierig“. „Unter anderem auch, weil wir lange nicht wussten, ob Maja bei uns bleiben oder zu den Eltern zurückkehren wird“, so Christina Fürstenberg. Dazu kam, dass Max anfangs sehr, sehr eifersüchtig war. Trotzdem haben sich alle zurechtgeruckelt. Auch einem entspannten Kinderarzt, einem tollem Mitarbeiter vom Pflegedienst und zuversichtlichen Großeltern sei Dank. „Gefühlt waren das vom ersten Moment an unsere Kinder“, sagt Christina Fürstenberg. „Die beiden sind eine wahnsinnige Bereicherung. Auch wenn wir immer mal wieder an unsere Grenzen stoßen.“ Genug gesessen, jetzt möchte Max dem Besuch eine Theateraufführung mit Gesang präsentieren. Die Stühle hat er schon in Reihen aufgestellt, das Eintrittsgeld kassiert. Maja schiebt sich schnell noch ein Stück Birne in den Mund und schaut, was ihr großer Bruder da macht. Christina und Severin Fürstenberg lehnen sich zurück und genießen. Irgendwie wird man an die lachende Strichmännchenfamilie vom Eingangsschild erinnert.

Pflegefamilien werden dringend gesucht

Diplom-Sozialpädagogin Edda Lilienfein vom Kieler Jugendamt beantwortet die zentralen Fragen zur Pflegefamilie:

Wie wird man zu Pflegeeltern?

Sie melden sich bei uns im Pflegekinderdienst, Tel. 0431/901-3640. Wir schicken Ihnen Informationsmaterial zu und laden Sie zu unserem monatlichen Informationsabend ein. Wenn sich Ihr Wunsch nach einem Pflegekind vertieft, verabreden wir mit Ihnen weitere Gespräche, um Sie näher kennenzulernen. Gemeinsam mit Ihnen überlegen wir, ob ein Pflegekind und wenn ja welches Kinderprofil in Ihre Lebenssituation passt. Wir beraten Sie umfassend und bereiten Sie unter anderem durch ein Vorbereitungsseminar vor.

Wann ist man geeignet?

Welche Voraussetzungen

sollte man mitbringen?

In jedem Fall sollten Sie Freude am Umgang mit Kindern haben, alle Familienangehörigen sollten den Wunsch nach einem Pflegekind mittragen. Pflegeeltern sollten über ein ausreichendes Einkommen verfügen, über genügend Zeit, um sich um ein Kind zu kümmern, psychisch und physisch belastbar sein und in stabilen familiären Verhältnissen leben. Ein Pflegekind soll ein eigenes Zimmer erhalten. Wichtig ist auch eine grundsätzlich wertschätzende Haltung gegenüber den leiblichen Eltern.

Bekommt man als Eltern eine finanzielle Unterstützung?

Das Pflegegeld beträgt je nach Alter des Kindes zwischen 745 und 913 Euro. Darüber hinaus gibt es noch einmalige Beihilfen für beispielsweise Erstausstattung oder Einschulung. Es ist nicht sehr hoch, aber ausreichend, um ein Kind zu versorgen. Der Gesetzgeber hat das Pflegegeld so angesetzt, damit der finanzielle Anreiz für die Aufnahme eines Kindes nicht im Vordergrund steht.

Wie werden die Pflegeeltern

im Alltag begleitet?

Unsere Mitarbeiter sind im regelmäßigen Austausch mit Ihnen, kommen zu Hausbesuchen, begleiten Sie bei den Besuchskontakten mit den leiblichen Eltern, bieten Ihnen Seminare an, bei Bedarf gibt es die Möglichkeit von Supervision. Bei auftretenden Schwierigkeiten stehen wir jederzeit kurzfristig beratend und unterstützend zur Seite und suchen gemeinsam mit allen Beteiligten nach Lösungen.

Wie lange bleibt das Pflegekind in der Regel?

Es ist der gesetzliche Auftrag des Jugendamtes, in Zusammenarbeit mit den Eltern die familiäre und häusliche Situation soweit zu stabilisieren, dass die Kinder wieder zurückkehren können. Sollte dies nicht gelingen, wird das Kind dauerhaft in der Pflegefamilie aufwachsen. Sofern die Unterbringung auf Dauer angedacht war, bleiben geschätzt mehr als 60 Prozent der vermittelten Kinder bis zur Volljährigkeit, einige sogar darüber hinaus.

Wie viele Pflegekinder vermitteln Sie im Jahr an Familien?

Im Schnitt sind das 50 bis 55 Kinder. Davon sind rund 15 Prozent Babys, 60 Prozent Ein- bis Vierjährige, 15 Prozent Fünf- bis Achtjährige, rund zehn Prozent sind älter. Hinzu kommen Kinder, die wir aus einer Krisensituation heraus spontan in sogenannten Bereitschaftspflegefamilien unterbringen müssen. 2015 war das 130 Mal der Fall. Die Unterbringung dauerte im Schnitt zwei bis sechs Wochen. Ob ein Kind ein Pflegekind wird, entscheidet das Jugendamt. Die Gründe sind Überforderungen der Eltern, Erkrankungen, psychosoziale Krisensituationen, oft psychische Erkrankungen, zu denen auch Alkohol- und Drogenmissbrauch gehören, aber auch Gewalterfahrungen und Vernachlässigungen.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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