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Europa fängt vor der Haustür an

Plädoyer vom KN-Chefredakteur Europa fängt vor der Haustür an

Wie verpackt man so ernste Themen wie die Zukunft von Europa oder gar das fehlende gesellschaftliche Engagement in eine Rede für den KN-Jahresempfang? Chefredakteur Christian Longardt gelingt das Kunststück – mit wortgewaltiger Unterstützung.

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Blickt ernst in Europas Zukunft: KN-Chefredakteur Christian Longardt.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Als kleiner Junge hatte Christian Longardt ein Europa-Puzzle. 500 Teile, die Sowjetunion war da noch drauf, Jugoslawien und die DDR. Ein befriedigendes Spiel: Am Ende passte immer alles zusammen. „Europa gegen Ende des Jahres 2016 – das ist ein Puzzle ohne Lösung“, sagt der KN-Chefredakteur. „Wir reden in diesem Jahr oft von Werten. Ich meine, Europa ist es wert, darum zu kämpfen, dafür zu streiten, sich dafür zu engagieren. Nicht nur in Straßburg und Brüssel, auch in Preetz, Gettorf und Rendsburg.“ Auch dem Poetry-Slammer Björn Högsdal (41) liegt Europa am Herzen. Als Halbnorweger und ehemaligem Geschichtsstudenten fiel ihm deshalb das Texten für den Empfang leicht. In weißem Hemd und grauem Pullunder tritt er locker aufs Podest mitten im Publikum und unterbricht die Chefredakteurs-Rede mit seinem Rhythmus der Worte. „Europa ist mir Heimat, mehr als irgendein Land. Warum wirkt dieses Puzzle jetzt so ausgefranst am Rand?“

Högsdal stand schon auf unzähligen Bühnen dieser Welt. Hier im Norden ist er so etwas wie der Poetry-Vater der Nation. Vor allem nachts schießen ihm die Worte durch den Kopf, dann textet und reimt er ohne Unterlass. Kein Tag vergeht, an dem er nicht mit seiner vierjährigen Tochter und seinem neunjährigen Sohn zusammen Geschichten erfindet oder abends am Bett vorliest. Worte braucht er wie die Luft zum Atmen. Hier beim KN-Empfang ist er in seinem Element. „Europa ist sexy, kein Grund, dass Du’s scheust. Man muss es ja nicht gleich so lieben wie Zeus“, sagt er zum Schluss und erntet donnernden Applaus.

Dann geht es auch schon locker weiter mit dem zweiten Teil von Longardts Rede. „Engagement und ein stabiles Wertegerüst – das brauchen wir auch hier bei uns“, sagt er. Ohne Engagement hätte Schleswig-Holstein die Flüchtlingswelle nie so meistern können. „Es war schön zu sehen, was für eine Kraft unser Land entwickeln kann, wenn es drauf ankommt.“ Wenig später erobert auch schon die Dichterkönigin des Nordens ihr Podest in der Menge: Mona Harry. Die 25-jährige Kunst- und Philosophiestudentin ist der Shootingstar der Szene. Über Nacht wurde die Kielerin mit ihrer „Liebeserklärung an den Norden“ berühmt, das über 300.000 Mal im Netz angeklickt wurde. (Wer es noch nicht kennt, unbedingt ansehen!) Ihre Texte sind voller Wortwitz, Melancholie und schräger Verbindungen. Rund 15 Auftritte hat sie im Monat, der Bahnsteig ist ihre zweite Heimat geworden. „Wussten Sie schon, dass Hummeln aerodynamisch flugunfähig sind?“, fragt sie. „Und trotzdem können sie fliegen wegen einer Gasblase in ihrem Bauch. Also glaub’ an Deine Träume, auch Du kannst es schaffen.“ Pause. „Und iss mehr Hülsenfrüchte.“

Region aktiv gestalten

Applaus für Mona Harry – und es geht es weiter mit der Vision des Verlags. „Wir wollen die Region aktiv mitgestalten. Wir verbinden die Region“, so Christian Longardt. Das geschehe schon mit dem #KN_WLAN, mit dem KN-Talk, dem KN-Treffpunkt, mit KN-sozial. Ganz neu ist der Verein KN hilft. „Die Aktion, für die wir von heute an herzlich um Spenden bitten, heißt: Leben retten!“ Und darüber hat sich auch der dritte Poetry-Slammer, Helge Albrecht (24), Gedanken gemacht. Der gebürtige Dannewerker liebt schwarzen Humor, studiert Literatur und macht Beiträge für die NDR-Sendung „Hör mal ’n beten to“. Kritisch setzt er sich heute mit dem „Zustand des ständig Nicht-Zuständig-Seins“, dem „Vorwand des Vorwiegend-Hintermann-Seins“ auseinander und ruft alle auf: „Wir geben aufeinander Acht, reichen unsere Hand, jeder soll für jeden sein, reißt nieder jeden Vorwand.“ Schon holt Longardt die beiden Fußballfreunde auf die Bühne, die gezeigt haben, wie es geht. Leben retten kann jeder! Jetzt sollen es möglichst viele lernen. Dezenter Hinweis des Chefredakteurs: „Wenn Sie das Portemonnaie drückt: Am Ausgang stehen Spendenboxen.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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