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Wie kommt der Demonstrant vom Baum?

Polizei übt mit Franzosen Wie kommt der Demonstrant vom Baum?

Aktivisten aus Bäumen holen oder angekettete Demonstranten lösen - das üben deutsche und französische Polizei-Spezialkräfte in Kiel. Und die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig.

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Gemeinsam mit der französischen Polizei wird in Kiel geübt.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel/Paris. Es ist nur ein Übungsszenario, aber es kann jederzeit genau so passieren: Ein Umwelt-Aktivist hat sich in einem Baumwipfel festgekettet, seine Hand steckt in einem Rohr, das wiederum in einem schweren Betonklotz verankert ist. Spezialkräfte der Bundes-Bereitschaftspolizei sichern den Baum mit Seilen, klettern zu der Übungspuppe, befreien deren Arm mit Spezialgerät und seilen sie sicher ab. „Wir sind überall dort im Einsatz, wo Aktivisten Gefährdungssituationen hervorrufen“, erklärt Thomas Albers von der Bundes-Bereitschaftspolizei und Organisator der deutsch-französischen Fortbildung am Mittwoch auf dem Marinestützpunkt in Kiel.

Mit roten Flatterbändern ist die Übungswiese mit hohen Bäumen abgesperrt: Neben der Bundes-Bereitschaftspolizei sind auch Kräfte der Landespolizei Nordrhein Westfalen sowie Polizisten aus Frankreich bei der einwöchigen Übung bis Freitag dabei - insgesamt rund 50 Mann. In schwarzen Overalls, geschützt und gesichert durch Helme, Seile und Karabinerhaken trainieren die Spezialisten Einsatzszenarien.

„Wir haben unter anderem den OSZE-Gipfel am 8./9 Dezember und den G20 Gipfel am 7./8. Juli 2017 - beide in Hamburg - im Blick“, sagt Albers. Der Erste Polizeihauptkommissar leitet die technische Hundertschaft der Bundes-Bereitschaftspolizei in Ratzeburg, die zur Übung ihre Gruppe „Taktisch-Technische Maßnahmen in Höhen und Tiefen“ geschickt hat.

In ganz Deutschland gibt es nur wenige solcher Gruppen. Ziel solcher Übungen ist es, dass die begrenzten Kräfte in Einsätzen zusammengezogen und problemlos zusammenarbeiten. „Es geht um einen Erfahrungsaustausch, das Vertiefen der Techniken und Materialkunde, damit man auf dem Stand der Technik ist“, sagt Lutz Richter, Truppführer eines Höhen-Interventionsteams aus Köln. Aber das Üben hilft auch für die konkreten Einsätze. Seit 2012 kommt es immer wieder zu Protestaktionen durch Umweltschützer im Hambacher Forst wegen des Braunkohle-Tagebaus - und Spezialkräfte der Polizei räumen dann.

Die Castor-Transporte mit wiederaufbereitetem deutschen Atommüll von Frankreich nach Deutschland haben in der Vergangenheit massive Protestaktionen ausgelöst. Demonstranten ketteten sich an Gleise oder ließen sich an den Geländern von Eisenbahn-Brücken so weit herunter, das Züge dort nicht passieren konnten. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace besetzte 2001 zeitweise eine Eisenbahnbrücke über den Fluss Jeetzel in Niedersachsen, die ein Castor-Zug auf dem Weg ins atomare Zwischenlager Gorleben passieren sollte.

Damals sei die für Terror-Fälle gedachte GSG 9 noch mit im Einsatz gegen Demonstranten auf Bäumen gewesen, sagt Torsten Gerbig, Chef der Technischen Einsatzhundertschaft der Bundes-Bereitschaftspolizei in Hünfeld (Hessen). Dann sei beschlossen worden, Spezialkräfte der Bundespolizei auszubilden, seit 2003 gebe es die ersten.

Die Kooperation mit den französischen Spezialisten läuft dagegen erst seit drei Jahren. Techniken und Material seien teils verschieden, aber bei den gemeinsamen Übungen könne man voneinander lernen, betonen in Kiel Oberstleutnant Philippe Gangloff von der französischen Botschaft in Berlin und Jean-Loup Savary, Chef einer Polizeieinheit in Versailles-Satory.

Neben den noch ausstehenden Castor-Transporten aus Frankreich ist der in Nantes in der Bretagne geplante Großflughafen ein gemeinsames Thema. Denn es protestieren dort nicht nur Bauern, die ihr Land nicht hergeben wollen, sondern auch Aktivisten aus Deutschland. Es wäre hilfreich, wenn deutsch- beziehungsweise französischsprachige Polizisten bei internationalen Protesten dabei seien, betonten die Spezialisten beider Länder. Noch aber hat es keine gemeinsamen Einsätze gegeben. Darüber müsste in Deutschland das Bundespolizeipräsidium in Potsdam entscheiden, betont Albers.

Unfälle hat es ihm zufolge bei Räumungseinsätzen der Bundespolizei in Bäumen bisher nicht gegeben. Die Bundespolizei habe eine sogenannte Garantenstellung gegenüber Demonstranten, die abgeseilt würden. Daher nehme man dafür auch nur eigene Profi-Seile: „Wir hatten kein Glück, wir haben das Können.“

Von der Deutschen Presse-Agentur

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