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Rock-Oper belohnt die Unentwegten

Premiere von "Die Räuber" Rock-Oper belohnt die Unentwegten

Eine rauschende Premiere? Stunden vorher gab es noch rauschende Regenfälle. Und der eine oder andere blieb beim Blick zum Himmel dann doch lieber zu Hause. Dabei klappte beim diesjährigen Kieler Sommertheater, das nach einem Jahr Pause wieder am Seefischmarkt aufgeführt wurde, alles wie am Schnürchen.

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Public Viewing zu "Die Räuber" auf dem Rathausplatz..

Quelle: Frank Peter

Kiel.  Pünktlich zur Übertragung hörte der Regen auf, und die dunklen Wolken überließen Schillers Drama „Die Räuber“ den Schauplatz. Beim Public Viewing auf dem Kieler Rathausplatz blieben trotzdem etliche der rund 3000 von der Stadt aufgestellten Sitzplätze leer.

 Obwohl es am Nachmittag wie aus Eimern schüttete, sicherten sich Hans-Jürgen Baumann (68), Karin Oelzner (64) und Rosemarie Grosser (69) schon früh die besten Plätze des Abends. Ganz vorne mit freiem Blick auf die 24 Quadratmeter große Leinwand. „Wir sind schon kurz nach 15 Uhr aus Eckernförde losgefahren, um schon mal mit einem gemütlichen Nachmittag zu starten“, sagt Hans-Jürgen Baumann und fügt lachend hinzu: „Ein paar Verrückte gibt es halt immer.“ Mit Regenjacke, Schirm und Klappstuhl harrte er Stunde um Stunde aus, während seine beiden Begleiterinnen schon mal den Rotwein atmen ließen und Erdbeeren und Bio-Hühnchen aufdeckten. „Wir haben Essen für drei Tage mit“, erzählen sie vergnügt und öffnen wie zum Beweis eine große Dose mit Paprika- und Kohlrabistückchen. Vor zwei Jahren waren sie am Bootshafen und haben „Romeo und Julia“ gesehen. „Das war göttlich“, sagt Rosemarie Grosser, die übrigens wie Friedrich Schiller in Marbach am Neckar geboren wurde. Und Hans-Jürgen Baumann ging einst auf die Schillerschule in Gießen. Deshalb ist auch für ihn die diesjährige Rock-Oper des Kieler Theaters ein Muss.

 Die Räuber singen unterdessen: „Stehlen, morden, huren, balgen. Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun. Morgen hangen wir am Galgen. Drum lasst uns heute lustig sein.“ Das lassen sich die beiden Freundinnen Birgit Erdmann (52) und Angela Probst (54) nicht zweimal sagen. Bevor sie losfuhren, hatte ihnen ein Nachbar noch schnell zwei Regencapes vom Heavy-Metal-Festival in Wacken geliehen. So konnte kommen, was wollte. Aber Petrus schien Theaterfreund zu sein. Die mitgebrachten mediterranen Leckereien wie Oliven, Schafskäse und getrocknete Tomaten konnten die beiden im Trockenen essen. „In der 10. Klasse habe ich mal ein Referat über Schiller gehalten“, erzählt Birgit Erdmann. „Ich mag seinen Stil sehr, seine sozialkritischen Ansichten, seine Charaktere.“

 Während Schauspieler Oliver E. Schoenfeld als Karl auf der Suche nach einer verlorenen Männlichkeit ist, tauchen die Zuschauer mit jedem Satz mehr ein in das Drama um die beiden ungleichen Brüder. Als Darsteller Marko Gebbert, der den Franz spielt, schließlich um Amalia wirbt, die seinem totgeglaubten Bruder die Treue hält, sitzen auch die vier Freundinnen Heide Bablitz (72), Anke Pahnke (63), Gudrun Friis (74) und Gudrun Klammt (75) aus Flintbek gebannt vor der großen Leinwand und vergessen das Essen. Wie heißt es noch bei Schiller? „Knirsche nur mit den Zähnen – speie Feuer und Mord aus den Augen – mich ergötzt der Grimm eines Weibes, macht dich nur schöner, begehrenswerter. Komm mit in meine Kammer – ich glühe vor Sehnsucht – Jetzt gleich sollst du mit mir gehen.“ Anarchie, Action, große Gefühle und eine wilde Räuberbande – bessere Zutaten für einen gelungenen Abend kann es eigentlich nicht geben.

Blitzkritik: Schillers „Räuber“ sind großes Kino

Es geht los mit treibenden Gitarren und wummerndem Rhythmus, trägt das Premierenpublikum mitten hinein in Schillers zornig aufgeladenes Universum. „Die Räuber“ lassen von Anfang an keinen Zweifel daran, dass hier im Kieler Sommertheater eine veritable Rockoper über die Open-Air-Bühne am Seefischmarkt geht. Das Ensemble spielt in der Regie von Generalintendant Daniel Karasek großes Kino, motzig, düster, emotional. Und die Musik von Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff von der Hamburger Band Kettcar wirkt dabei als gelungener Gefühlsverstärker. Dazu passt sogar der verhangene Himmel über der Schwentinemündung – und das Kieler Publikum zeigt sich sowieso für die Wetterlage bestens vorbereitet. Wie Indie-Rock, Wetter und Schiller zusammenfinden, lesen Sie am Sonnabend auf KN-online und in der Montag-Ausgabe.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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„Das Publikum ist begeistert, das Feedback ist großartig“, resümiert Andreas Waschkowski, der technische Leiter von Opus Showtechnik, vor der Finalrunde des Sommertheaters „Die Räuber“. „Es ist ja vergleichsweise schwerer Stoff, aber es kommt gut an.“

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