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Die Mauer des Schweigens bröckelt

Prozess um Pfandhausraub Die Mauer des Schweigens bröckelt

Es waren „zwei gepflegt aussehende junge Männer mit osteuropäischem Akzent“, die am 9. Oktober 2014 Einlass ins Pfandhaus am Kieler Exerzierplatz begehrten. Zwischen den Schmuckvitrinen entpuppten sie sich als brutale Räuber. Bei der Fortsetzung des Prozesses schilderte das 26-jährige Opfer des Überfalls sein traumatisches Erlebnis.

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Der Mammutprozess gegen eine osteuropäische Räuberbande wird in Schleswig verhandelt, weil das Landgericht Kiel nicht über genügend Platz verfügt. Nach der Entschuldigung des Hauptangeklagten könnte Bewegung in den Prozess kommen, der morgen fortgesetzt wird.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Schleswig/Kiel. Der eine groß, der andere kleiner und kräftig. So beschreibt der seit vier Jahren im Pfandhaus angestellte Mitarbeiter die Täter, die er damals in den Laden ließ. Im Gerichtssaal kann der als Nebenkläger am Prozess beteiligte Zeuge die Angeklagten Ramunas P. (33) und Marius D. (29), denen der Raub zur Last gelegt wird, aber nicht identifizieren. Dazu ging an jenem Vormittag alles viel zu schnell. Erst täuschten die Räuber Interesse an einem „Ring für die Freundin“ vor. Nachdem sie den Mitarbeiter so hinterm Tresen vorgelockt haben, schlägt der kleinere aber stämmige Täter brutal mit der Faust zu. Bevor der Verkäufer auf die plötzliche Bewegung von rechts reagieren kann, wird er mit einem kräftigen Haken ausgeknockt und zu Boden gestreckt. Beim Sturz prallt er gegen eine Vitrine, die zu Bruch geht.

 Erst im hinteren Büroraum des Ladens kommt der Verletzte zu sich – an Händen und Füßen mit Kabelbindern gefesselt. Er soll nichts sehen, sein Bewacher presst ihm eine Laptoptasche aufs Gesicht. Der Zeuge spürt einen Fußtritt in die Rippen, steht Todesängste aus. Doch er kann wahrnehmen, wie der Komplize vorne im Laden die Beute zusammenrafft und sich dabei immer wieder kurz mit einem unsichtbaren Gesprächspartner unterhält. Über Headset kommuniziert der Haupttäter mit dem dritten Mann, der draußen vor dem Laden Schmiere steht. Um den kostbaren Goldschmuck und die hochwertigen Uhren aus der Auslage einzusammeln, muss er sich immer wieder tief ins Schaufenster beugen. Sobald sich Passanten nähern, wird er gewarnt und versteckt sich.

 Auf rund 333000 Euro beziffert die Anklage den Wert von rund 150 Schmuckstücken und knapp 50 hochwertigen Uhren, die die Räuber in einer Sporttasche verstauten. Versichert war die Beute nicht, teilte der Zeuge mit. Trotz des traumatischen Erlebnisses arbeitet er wieder am Tatort. Allerdings nur noch gemeinsam mit einem Kollegen. Bis heute ist der Nebenkläger in psychologischer Behandlung, leidet unter Angstzuständen und Schlafstörungen.

 Seine Peiniger ließen ihre Handschuhe am Tatort zurück. Und mit ihnen DNA-Spuren, die im Prozess eine wichtige Rolle als belastende Indizien spielen. Mit seinem markanten Profil hat sich vor allem Ramunas P., der auch bei der noch brutaleren Düsseldorfer Tat als Schläger gilt, kaum verwechselbar auf den Videos der Überwachungskameras verewigt.

Taktikwechsel der Verteidigung

 Offenbar Zeit für einen Taktikwechsel der Verteidigung: Auf einen Wink seines Rechtsanwalts hin entschließt sich der vorbestrafte, bisher schweigende Litauer zu einer Entschuldigung, die einem Bekenntnis zur Tat gleichkommt: Sehr gerne würde er die Zeit zurückdrehen und die Sache ungeschehen machen, erklärt der 33-Jährige. Es tue ihm leid. Sein Opfer schließt sich dem Wunsch an.

 Für den Anwalt des Nebenklägers, Martin Lauterbach, klingt die Entschuldigung strategisch, aber auch ehrlich. Weitere Geständnisse könnten folgen, meinen auch die Staatsanwälte, die mit dem bisherigen Prozessverlauf zufrieden sind. Lässt jetzt die Hoffnung auf Strafmilderung die Mauer des Schweigens bröckeln, hinter der sich die mutmaßlichen Mitglieder der berüchtigten litauischen „Ballspieler“-Bande aus dem Raum Kaunas verschanzt haben?

 Bisher hatte nur der jüngste Mittäter des Düsseldorfer Überfalls ein Geständnis abgelegt. Als Kronzeuge darf der kurzfristig angeheuerte 22-Jährige einen spürbaren Strafnachlass erwarten, zumal er von der Brutalität der Tatausführung selbst überrascht worden sein will. Am morgigen Verhandlungstag will die 7. Strafkammer des Landgerichts den Chef des Kieler Raubopfers hören. Auch Kripobeamte der Spurensicherung sind als Zeugen geladen.

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Pfandhausprozess
Foto: Der einzige geständige Täter: K. (Mitte) mit seinen Verteidigern Volker Berthold (li.) und Hans Helmuth von Troilo.

Im „Mammutprozess“ des Kieler Landgerichts gegen zwölf Männer aus Litauen, denen die Anklage brutale Raubüberfälle auf ein Kieler Pfandhaus und einen Düsseldorfer Juwelier vorwirft, kam am Freitag erstmals ein Angeklagter zu Wort. Der seit seinem Geständnis gegenüber der Polizei als Kronzeuge gehandelte K. (22) belastete am Freitag mehrere Mitangeklagte schwer.

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