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Marzipan-Erpresser muss über 4 Jahre in Haft

Urteil in Kiel Marzipan-Erpresser muss über 4 Jahre in Haft

Elf Tage lang hielt der Marzipan-Erpresser im September die Polizei in der Landeshauptstadt in Atem, verbreitete Angst mit vergifteten Süßigkeiten auf Schulhöfen, Bombendrohungen per E-Mail und der Forderung nach drei Millionen Euro an die Coop-Handelskette.

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 In Handschellen wartete der Angeklagte Andy S. im Landgericht in Kiel auf den Beginn der Verhandlung.

Quelle: Kerstin Tietgen

Kiel. Am Montag verurteilte das Kieler Landgericht den Täter wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung zu vier Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe.

„Die halbe Stadt war in Angst“, brachte der Vorsitzende der 10. Großen Strafkammer, Ralph Jacobsen, die damalige Stimmung der Kieler Bevölkerung auf den Punkt. Der voll schuldfähige Angeklagte (38) habe die Gesundheit von Schulkindern als Druckmittel für seine Geldforderung eingesetzt, so die Urteilsbegründung nach unerwartet kurzem Prozess. Als Tatmotiv nannte Jacobsen bis zu 40000 Euro Schulden. Bisher hatte der Angeklagte zu den Vorwürfen geschwiegen. Die Kammer hatte sich deshalb auf eine fünftägige Verhandlung eingestellt.

Aufmerksamkeit für eine Software?

Zu Prozessbeginn legte der 38-Jährige dann überraschend ein Teilgeständnis ab. Darin räumte er zwar ein, bei Kindern beliebte Lebensmittel mit einem leicht giftigen Insektizid („Pyrethrine“) versetzt und an Schulen ausgelegt zu haben. Auch zu den E-Mails an die Coop-Handelskette, Schulen, Elternvertreter und Medien bekannte er sich. Gleichzeitig behauptete er jedoch, die Erpressung sei lediglich „fingiert“, eine Geldübergabe nie geplant gewesen. Der wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung vorbestrafte Mann erklärte, er habe mit der Aktion nur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf eine von ihm entwickelte Software lenken wollen. Damit könne man uneingeschränkt anonym im Internet surfen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Der Angeklagte Andy S. (l) wartet im Landgericht in Kiel neben seinem Anwalt Gerd-Manfred Achterberg auf den Beginn der Verhandlung.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Mit einem „Netzwerktest unter realen Bedingungen“, so der Angeklagte, habe er die Leistungsfähigkeit seiner Software unter Beweis stellen wollen, um diese später gewinnbringend zu verkaufen. Deshalb habe er die Polizei zu maximalem Einsatz provoziert und die Presse eingebunden. „Das glauben wir einfach nicht“, wies der Vorsitzende die „unschlüssige“ Darstellung als Werbeaktion zurück. „Wir sind überzeugt, dass Sie Coop erpressen wollten.“

Zahlung sei gar nicht möglich

Strafverteidiger Gerd-M. Achterberg wertete die Tat als Nötigung im besonders schweren Fall und plädierte auf maximal zwei Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe. Begründung: Der Angeklagte habe in seinen E-Mails weder ein Konto noch eine Adresse für eine Geldübergabe angegeben. Die Empfänger seien somit gar nicht in der Lage gewesen, das Geld an ihn zu zahlen. Oberstaatsanwalt Michael Bimler hatte zuvor vier Jahre und elf Monate Haft gefordert.

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