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So funktioniert die Liebe

Psychiater Aldenhoff So funktioniert die Liebe

Dauerhaft glücklich zu sein mit einem Partner – schön wär’s. Die Realität in Deutschland sehe anders aus, meint der Kieler Psychotherapeut Prof. Josef Aldenhoff (67) und erörtert in seinem neuen Buch: „Was Beziehungen schwierig macht und wie sie gelingen können“.

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Prof. Josef Aldenhoff (67) war zwischen 1996 und 2012 Direktor der Kieler Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, heute arbeitet er als Therapeut und Autor. In der Buchhandlung Hugendubel im Sophienhof Kiel (Herzog-Friedrich-Str. 30-42) liest er am Mittwoch um 20.15 Uhr aus seinem neuen Buch „Ich und du – warum? Was Beziehungen schwierig macht und wie sie gelingen können“ (C. Bertelsmann, Februar 2016, 352 S., 19,99 Euro).

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Herr Prof. Aldenhoff, die meisten Liebesbeziehungen fangen leidenschaftlich an und enden mit großen Enttäuschungen. Und das, obwohl die Menschen eine Sehnsucht nach einer dauerhaften Beziehung haben. Wie erklären Sie sich das?

Es liegt an dem Instrumentarium, das wir für Beziehungen mitbringen. Es stammt aus einer Zeit, als die Menschen maximal fünf bis zehn Jahre zusammen waren. Daher funktioniert es heute noch immer, sich kennenzulernen, sich zu verlieben und Kinder zu kriegen. Dieser Teil ist durch die Evolution bestens abgedeckt. Aber das, was heute im Vordergrund steht, nämlich lange glücklich zusammenzuleben, das ist in unserem Schaltplan nicht drin. Wenn man das trotzdem will, dann muss man etwas dafür tun.

Was muss man tun?

Herausfinden, was für mich wichtig ist. Denn Liebe und Sexualität sind etwas hochgradig Individuelles. Welche Art von Partner tut mir gut? Welche Art von Nähe brauche ich und wie viel Distanz? Diese Fragen sind ganz elementar. Ich möchte den Leuten Mut machen, das für sich selbst herauszufinden, weil es eben keine Norm gibt, die dann Aussicht auf Erfolg hat.

Die alte Formel „Gegensätze ziehen sich an“ hilft also nicht weiter?

Bedingt. Ein gegensätzlicher Charakter eines potenziellen Partners kann natürlich sehr aufregend und anziehend sein. Aber für eine dauerhafte Beziehung ist eine Übereinstimmung bei gesellschaftlichen und moralischen Werten grundlegend – auch bei emotionalen und intimen Vorlieben.

Und dann ist die lebenslange erfüllte, glückliche Beziehung in Ihren Augen keine Illusion mehr?

Sagen wir so: Es ist keine häufige Realität. Interessant ist, dass die Paare, die ich kenne und die 40 Jahre zusammen sind, sich sehr klar auseinandersetzen, andere würden sagen, die streiten häufig. Streiten über unterschiedliche Standpunkte ist wichtig. Aber man sollte streiten können, ohne dass die Wertschätzung abhandenkommt.

Welche Rolle spielt der Sex?

Da gehen die Meinungen sehr stark auseinander. Ich denke, Sex spielt eine große Rolle, weil Sex ein positiver Verstärker ist. Es gibt aber auch Paare, die ohne Sex glücklich sind, oder einige, die ihre Sexualität nach Jahren wiederfinden. Therapeuten sind immer alarmiert, wenn ein jüngeres Paar sagt, seit unser Kind geboren ist, hatten wir keinen Sex mehr. Zunächst ist das zwar normal, aber dann sollte man schon die Kurve wieder kriegen.

Sie sagen in Ihrem Buch, Ehrlichkeit und Treue, die beiden vielbeschworenen Werte, hätten nichts mit gelebter Realität zu tun. Belügen und betrügen sich Partner häufiger als allgemein gedacht?

Untreue kommt häufig vor. Man sagt, in 30 Prozent der Beziehungen – und zwar ziemlich gleich verteilt bei Männern und Frauen. Da kann man nicht so tun, als sei das kein Thema.

Kann und sollte man sich davor schützen?

Einer Untreue geht ja meistens eine Phase voraus, in der man beginnt, sich umzuschauen. Wenn ich das merke, sollte ich mich schon mal fragen, was ist eigentlich in meiner Beziehung los. In längeren Beziehungen gibt es ja oft nichts Interessantes mehr, man lebt seinen Stiefel so runter. Da hilft es schon, wenn ich etwas tue, um den anderen wieder interessant zu finden. Das Schwierigste ist dieses uralte Dopamin-System, das wir in uns tragen, und das eben flasht, wenn etwas Neues kommt. Wenn ich im Gegensatz dazu in meiner Beziehung nur noch im Bereich der Komfortzone lebe, dann ist die Gefahr groß, dass mir jemand über den Weg läuft, der nicht so vertraut, aber furchtbar aufregend ist.

Was ist ratsam, wenn der Seitensprung tatsächlich passiert ist?

Dann sollte man sich darüber klar werden, was man wirklich will. Ist es tatsächlich die große Liebe meines Lebens, mit der ich zusammenleben will, denn dann sollte man doch sehr schnell die Karten auf den Tisch legen, damit sich der Partner darauf einstellen kann. Wenn es nur der berühmte One-Night-Stand ist und Sie transparent sein wollen, dann setzt es schon voraus, dass der Partner damit umgehen kann.

Solche und andere Krisen gehören zu Beziehungen dazu. Wie geht man mit ihnen am besten um?

Wenn sie zusammenbleiben wollen, dann müssen sie verzeihen können. Gut wäre natürlich reden. Reden ist immer gut, sofern es über das Stadium der Schuldzuweisungen hinausgeht. Man muss schon fragen, wie es dazu gekommen ist.

Es gibt Paare, die bleiben zusammen, obwohl die Beziehung destruktiv ist und beiden nicht mehr guttut.

Dahinter steckt oft die Angst vorm Alleinsein. Häufig und unbegründet glauben die Partner, allein nicht überleben zu können.

Manchmal ist eine Trennung wohl die beste Wahl. Wann aber könnte ein Paartherapeut noch helfen?

Ein Paartherapeut kann immer dann helfen, wenn die beiden nicht mehr miteinander reden können. Die Therapie ermöglicht dann, dass die beiden sich gegenseitig zuhören und verstehen, was der andere sagt. Am Ende sollten sie sich klar sein, was sie wirklich wollen.

In Ihrem ersten Ratgeber „Bin ich psycho – oder geht das von alleine weg?“ beschäftigten Sie sich mit psychischen Störungen, jetzt mit Beziehungen. Warum?

Ich würde es nicht als Ratgeber verstehen. Ich will die Leute aufmerksam machen, genau hinzuschauen und achtsam zu sein, denn der Automatismus ,Beziehung wird schon funktionieren’, der stimmt nicht.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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