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Eine Kollision, die es gar nicht gab

RMS Bremen Eine Kollision, die es gar nicht gab

Die Nacht vom 4. auf den 5.September 2015 war eine schöne Spätsommernacht. Gute Sicht, leichter Seegang und laue Temperaturen. Eigentlich kein Risikowetter für Seeleute. Dennoch krachten um 2.11 Uhr die Frachter „RMS Bremen“ und „Francisca“ bei Friedrichsort auf der Kieler Förde zusammen. Beulen und Risse in den Bordwänden sind die Folge.

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Der Leuchtturm Friedrichsort ist eine Engstelle der Förde. Dort kam es vor einem Jahr zu der Kollision zweier Frachtschiffe, deren Ursache sich trotz aller technischen Hilfsmittel nicht mehr aufklären ließ.

Quelle: Frank Behling

Kiel. Schnell steht fest, dass eine der beiden Besatzungen einen Fehler gemacht haben muss. Die Friedrichsorter Enge ist die vielbefahrene Engstelle der Kieler Förde. Hier erfordert die Navigation in Höhe des Leuchtturms hohe Konzentration. Es gibt aber auch Radaranlagen und eine modernste Verkehrsüberwachungstechnik an Land. Deshalb startete die Bundestelle für Seeunfallunterschung (BSU) nach Kollision mit der Suche nach der Ursache. Bei der Auswertung aller elektronischen Aufzeichnungen und digitalen Signale kamen die BSU-Ermittler jetzt zu einem überraschenden Schluss: „Danach hat es keine Kollision gegeben. Allen Daten nach sind beide Schiffe aneinander vorbeigefahren“, sagt ein Sprecher der Hamburger Untersuchungsstelle. So die Datenlage. Die Schäden beweisen jedoch das Gegenteil. Wie kann es aber passieren, dass trotz all der Technik die Kollision nicht aufzuklären ist? Lotsen standen für Hinweise nicht zur Verfügung. Beide Schiffe hatten keine an Bord. Ins Fadenkreuz der Ermittler geriet deshalb das Satellitennavigationssystem GPS, das auf beiden Schiffen für die Positionsbestimmung genutzt wurde.

 Bei Unglücken auf der Elbe und Weser wird in solchen Fällen das Radarbild hinzugezogen. Auch in Kiel gibt es Radarsysteme, die von der Revierzentrale in Travemünde ausgewertet werden. Diese Radarbilder müssen vier Wochen aufgezeichnet werden. Doch in Kiel trat damals eine Lücke auf. Wie die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt auf Anfrage mitteilt, habe es wegen einer laufenden Erweiterung der technischen Systeme in der Kieler Förde zum Unglückszeitpunkt noch keine Speicherung der Radardaten gegeben. Deshalb hatten die Ermittler der BSU nur die AIS-Daten (Automatisches Informationssystem), die sie von privaten Diensten und auch von der Schifffahrtsverwaltung sicherten. Da bleibt nur die Vermutung, dass eines der GPS-Geräte an Bord gestört oder falsch programmiert worden war. Beide Wachoffiziere der Schiffe verließen sich nach Erkenntnis der Ermittler beim Steuern der Frachter voll auf die Daten des GPS-Geräts sowie der elektronischen Seekarten und nicht auf das Bild, dass sich beim Blick aus dem Fenster der Brücke bot. Resultat: Sie fuhren so ineinander.

 In ihrer Sicherheitsempfehlung gaben die BSU-Ermittler jetzt verantwortlichen Wachoffizieren den dringenden Rat, die Schiffsposition mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu überprüfen und sich nicht nur auf GPS zu verlassen. Sie sollten stets zwei Systeme oder Verfahren für die Positionsbestimmung nutzen. An die Schifffahrtsverwaltung geht der Rat, die Radardaten im Sinne des Seesicherheitsuntersuchungsgesetztes zehn Jahre zu speichern.

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Frank Behling
Lokalredaktion Kiel/SH

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Die Kollision der Frachter „Francisca“ und „RMS Bremen“ auf der Kieler Förde beweist einmal mehr, dass blindes Vertrauen in die Daten eines leuchtenden Bildschirms oder eines Navigationssystems nicht alles ist. Immer wieder gibt es auch an Land Meldungen, wonach Autofahrer ihrem Navigationsgerät selbst auf Bahngleise folgen und nicht an der Richtigkeit zweifeln, selbst wenn sich die Reifen schon von der Felge gelöst haben.

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