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Wer kümmert sich um die Opfer?

Rassistische Morde Wer kümmert sich um die Opfer?

Über 20 Jahre ist es her, dass Ibrahim Arslan den schlimmsten Tag seines Lebens erlebte. Sieben Jahre war er alt, als zwei Rechtsextremisten das Mietshaus in Mölln anzündeten, in dem er mit seiner Familie lebte. Damals kamen seine Schwester, seine Oma und seine Cousine ums Leben. Er überlebte schwerverletzt.

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1992 ging dieses Bild nach dem Brandanschlag von Mölln um die Welt. Schwerverletzt wurde Ibrahim Arslan aus dem Wohnhaus gerettet. Da war er sieben Jahre alt. Seine Schwester, seine Oma und seine Cousine kamen ums Leben. Die beiden Brandstifter wurden wegen Mordes und besonders schwerer Brandstiftung zu zehn Jahren Jugendstrafe und lebenslänglich verurteilt. Mit dem Brandanschlag hatte die ausländerfeindliche Gewalt in Deutschland eine neue Qualität erreicht.

Quelle: Rolf Rick/ Archiv

Kiel. Vier Jahre ist es her, dass die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) an zehn Ausländern aufgedeckt wurden. Zwei Fälle – total unterschiedlich und doch gleich. Ibrahim Arslan ist auf Einladung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) aus Hamburg angereist. Bei einem Podiumsgespräch in Mettenhof soll er zusammen mit Björn Elberling aus Kiel, der beim NSU-Prozess als Nebenklageanwalt auftritt, und mit Brigit Mair Rede und Antwort stehen. Letztere hat eine Ausstellung zum Thema „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ konzipiert, die in Kiel gezeigt wurde.

 Ibrahim Arslan sagt: „Als ich das von der NSU gehört habe, kam die ganze Erinnerung wieder hoch. Als ob ich wieder in dem brennenden Haus wäre.“ Über die Anwälte habe er Kontakt zu den Opfern und Überlebenden aufgenommen. „Ich wollte meine Solidarität zeigen. Denn ich weiß, was die da durchmachen.“ Durchgemacht hat Ibrahim Arslan viel und tut es heute noch. „Falsche Ermittlungen, falsche Verdächtigungen haben uns alle krank gemacht“, sagt er. „Es hat einen Monat gedauert, bis die Täter gefasst wurden. Und in der Zeit hat man meinem Vater unterstellt, er würde Drogengeschäfte und Zuhälterei betreiben. Sogar unsere Nachbarn haben uns verdächtigt.“

 Seit den rassistischen Brandanschlägen in Mölln 1992 leidet die Seele von Ibrahim Arslan. Er hat einen Schwerbehinderten-Status, eine posttraumatische Belastungsstörung. „Ich musste elf Jahre vor Gericht kämpfen, bis das anerkannt wurde.“ Doch auch wenn seine Seele krankt, sein Wille, für das Gute zu kämpfen, wächst von Jahr zu Jahr. Er engagiert sich für Opfer, organisiert Gedenkfeiern und half in Köln, als 2004 eine NSU-Nagelbombe in dem Friseursalon der Brüder Yildirim in der Keupstraße explodierte. Zusammen mit einer Keupstraßen-Initiative dreht er einen Dokumentarfilm für Schulen zu dem Bombenattentat. Als Hassan Yildirim diesen während einer öffentlichen Vorführung sieht, geht er wortlos. Andere Teilnehmer sind darüber enttäuscht, aber Ibrahim Arslan sagt nur: „Bleibt mal locker. Bei uns hat es 20 Jahre gedauert, bis wir so weit waren. Die Angst, dass so etwas wieder passiert, sitzt am Anfang noch zu tief.“

 Als Köln zu einer Podiumsdiskussion zu den NSU-Taten einlädt, sind alle Wichtigen der Stadt dabei. Aber kein einziges Opfer, kein Überlebender wird erhört. „Das muss echt aufhören“, sagt Ibrahim Arslan. „Wollen wir Solidarität zeigen? Dann müssen diese Menschen auf die Bühne.“ Inzwischen ist auch der Kölner Friseur Hassan Yildirim aus seiner „Schockstarre“ erwacht. Er hat gerade einen Aufklärungsfilm gedreht, er spricht öffentlich, über das, was passiert ist. „Da bewegt sich was“, freut sich Ibrahim Arslan. „Das Wort Opfer ist nicht mit Schwäche verbunden, sondern eher mit Stärke.“ Und die Ermittler müssten aufpassen, dass die Opfer nicht zu Tätern gemacht werden. „Wenn ein Ausländer umgebracht wird, müssen wir als erstes von einem rassistischen Motiv ausgehen“, sagt er. „Das muss die Grundannahme sein. So lange, bis das Gegenteil bewiesen ist.“

 Über die aktuelle fremdenfreundliche Entwicklung freut sich Ibrahim Arslan sehr. „Wenn fünf Rassisten in Hamburg vor einer Moschee demonstrieren, kommen 200 Menschen, die eine Gegenbewegung auf die Beine stellen. Das ist toll.“ Nichtsdestotrotz sei der aktuelle NSU-Prozess seit zweieinhalb Jahren eine Farce. Was Anwalt Björn Elberling bestätigen kann. „Er ist langweilig und frustrierend und führt weit weg von den Opfern der NSU“, sagt der Kieler. Ibrahim Arslan fügt hinzu: „NSU und Mölln haben nichts miteinander zu tun? Im Gegenteil. Was mit uns passiert ist, passiert jetzt mit den Opfern und Überlebenden der NSU.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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