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Paternoster: Aus der Zeit gefallen

Rathaus Kiel Paternoster: Aus der Zeit gefallen

Muss immer alles stromlinienförmig sein? Glatt und irgendwie austauschbar? Die Bürokraten im Bundesarbeitsministerium haben kürzlich eine neue Attacke auf den Paternoster geritten. Und wir sind daraufhin im Kieler Rathaus mit diesem Aufzug ein paar Runden gefahren. Schon aus Protest.

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Minimale Wartezeiten: Das Prinzip des Paternosters ist so einfach wie genial und stammt ursprünglich aus dem England des späten 19. Jahrhunderts.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Genau drei Minuten und 19 Sekunden dauert es, um vom Erdgeschoss einmal ganz nach oben in den fünften Stock und dann hinunter durch den Keller zurück ins Erdgeschoss zu rattern. Kindern bindet man gerne einen Bären auf, indem man ihnen weismachen will, dass kopfüber hängt, wer nicht rechtzeitig aussteigt. Das ist natürlich Quatsch. Und doch wird es dort unten unterm letzten Ausstieg erstaunlich dunkel. Für ein paar Sekunden sieht man die Hand vor Augen nicht und hört stattdessen nur das ungute Rumpeln der Holzkabinen am Laufband. Da gruselt sich selbst der Erwachsene.

 1958 war der Umlaufaufzug, wie man im Behördendeutsch sagt (und, hey, wir sind hier in einer Behörde), aufgrund eines verschärften Brandschutzes rundumerneuert worden. Der ursprüngliche Paternoster stammte von 1911 und war damit originaler Bestandteil des kaiserlichen Rathauses gewesen. Eine Renovierung erschien den Stadtvätern jedoch zu teuer. So viel steht fest: Die 91 000 Mark, die sie für die neue Anlage ausgaben, waren bestens investiert. Seit ihrer Eröffnung läuft die Spezialanfertigung aus dem Hause Rudolf Prey täglich zwölf Stunden und lässt noch immer keine Anzeichen von Altersmüdigkeit erkennen. Das ist mal Qualität.

 „Damals wurden die Konstruktionen noch für die nächsten Jahrhunderte konzipiert“, sagt Andree Lohse vom Amt für Immobilienwirtschaft. Der 45-Jährige ist staatlich geprüfter Maschinenbautechniker und hat lange Jahre in der Aufzugsbranche gearbeitet. Als Zehnjähriger war er mit seiner Mutter aus Elmschenhagen hierher ins Rathaus gekommen und erstmals Paternoster gefahren. Heimlich! Kaum war die Mutter im Amtszimmer verschwunden, um irgendwelche Formalitäten zu regeln, war Sohnemann auch schon zum Aufzug gebutschert und hineingeklettert. Es war diese Mischung aus Nervenkitzel und Technik. „Sie sehen ja: Davon bin ich nicht mehr abgekommen.“

 Ganz oben unterm Dach sitzt das Herz des Paternosters. Alle zwei Monate wird die Anlage auf ihren ordnungsgemäßen Zustand kontrolliert und gewartet. Dabei verwenden die Techniker ordentlich Schmiere. Das riecht man. Und man hört das Fett am leisen Schmatzen, wenn die Zahnräder an der Maschinerie ineinandergreifen. Wenn die Mitarbeiter der Kieler Firma Kone ihrer Arbeit nachgehen, die Maschinen stoppen, den Aufzug öffnen und sich im Schacht herunterlassen, um Schrauben und Schienen, die sechs Zahnräder oben und die zwei Gegenstück-Zahnräder unten in der Schachtgrube zu kontrollieren, dann werden die Zugänge für ein bis zwei Stunden abgekettet. Gerade hat der Rathaus-Paternoster wieder den Tüv überstanden – wieder ohne Beanstandung. „Der Aufzug an der Hörnbrücke dürfte für seine Instandhaltung ungleich mehr Geld kosten“, konstatiert Andree Lohse. Während dort am Germaniahafen immer wieder Vandalismusschäden zu beheben seien, halte sich der Aufwand hier in Grenzen. Die beiden Holzschienen an den zwei Seiten, an denen der Aufzug sorgsam geführt wird, stammen noch aus den 50er-Jahren.

 Ursprünglich wurde der Paternoster in England erfunden, und das erklärt, warum sich mancher an Harry Potter erinnert fühlt, wenn er im Rathaus steht – im Treppenhaus der Zauberschule Hogwarts verschieben sich die Treppen auch unaufhörlich. 1876 setzte man die offenen Kabinen für Pakete in der Londoner Hauptpost ein, und wenige Jahre später durften auch Menschen darin fahren. Hamburger Kaufleute, traditionell allem Britischen zugeneigt, setzten Paternoster in ihren Kontorhäusern ein, was man zum Beispiel heute noch im Chilehaus bewundern kann. Die Hansestadt blieb in Deutschland die Hochburg dieses Transportmittels. Doch 1972 setzte die Bundesregierung einen ersten Schlussstrich und verbot Neubauten. Ende Mai dieses Jahres legte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles nach, indem sie die Nutzung weiter einschränkte: Umlaufumzüge dürfen in Bürohäusern nur noch von Angestellten benutzt werden, die in die Handhabung sorgsam eingewiesen wurden. Gäste dagegen müssen Treppen steigen. Oder den modernen Lift nehmen – falls denn vorhanden.

 Schneller dürften sie damit allerdings kaum sein. Zwar überwindet der Fahrstuhl von heute einen Meter pro Sekunde und ist damit ein Sprinter – aber auch erst, wenn er Betriebsgeschwindigkeit aufgenommen hat. Er hält unterwegs, wenn Menschen aussteigen wollen. Und: Er lässt gerne mal auf sich warten. Der behäbige Paternoster dagegen rumpelt sich zwar nur 25 Zentimeter pro Sekunde nach oben und unten, also gerade mal ein Viertel so schnell. Dafür aber ist er ein Marathonläufer und jederzeit absolut verlässlich zur Stelle.

 Ja, man sollte die Sicherheitsbedenken ernst nehmen, räumt Andree Lohse ein. „Kindern und Gebrechlichen“, darauf verweist seit langem ein Schild, ist die Nutzung untersagt. Eine rotierende offene Maschine habe ihre Risiken. Seit 2012 gestattet die Landeshauptstadt die Nutzung ihres Paternosters deshalb nur noch Rathausmitarbeitern und weist darauf deutlich auf jeder Schwelle hin. Das hat versicherungstechnische Gründe. „Rein statistisch passiert an Paternostern allerdings nur alle 250 Jahre ein menschlicher Unfall“, sagt der Aufzugsfachmann. Nun ist es so, dass in Kiel gleich 1912 ein Mann in eine Kabine stürzte und seine Unterschenkel in den Fahrschacht gedrückt wurden. Damit wäre die Statistik im Grunde schon widerlegt. In jüngerer Zeit verkeilte sich eine fahrbare Mülltonne, die ein Mitarbeiter hier transportieren wollte – aufgrund der enormen Kräfte brach die Rückwand des Aufzugs heraus. Ein anderes Mal versuchte ein Handwerker, eine Leiter mitzunehmen. Was gründlich schief ging. Doch Menschen kamen nicht zu Schaden.

 Wer den Paternoster nutzt, wird nicht kontrolliert. Wer sollte das auch tun? Nach mehreren Runden haben wir uns sattgefahren. Wir steigen im Erdgeschoss aus und gehen durch den breiten Gang die Treppenstufen herunter zum Hauptportal mit den beiden Drehtüren. Auch sie könnten ein Unfallschwerpunkt sein. Wann werden uns die Berliner Bürokraten wohl deren Nutzung verbieten wollen?

 Paternoster

 Vaterunser? Der historische Aufzug verweist mit seinem lateinischen Namen Paternoster unmittelbar aufs Christentum und bezieht sich auf den katholischen Rosenkranz. Dabei handelt es sich um eine Gebetsschnur mit Perlen und einem Kreuz. Gläubige orientieren sich daran, um in einer bestimmten Abfolge Gebete zu sprechen – das Vaterunser, das Ave Maria und „Ehre sei dem Vater“. Die Kabinen des Aufzugs Paternoster mit ihren zwei versetzten Ketten sind wie die Perlen der Gebetskette in den Händen der Gläubigen ständig in Bewegung. Deutschlandweit werden aktuell nur noch 240 Paternoster-Aufzüge betrieben, davon drei in Kiel: im Landtag, wo der Paternoster nach viel Hickhack und einem Machtwort des Landtagspräsidenten Klaus Schlie seit dieser Woche wieder laufen darf, im Bildungsministerium – und im Rathaus.

 Technische Daten

 Der Paternoster im Kieler Rathaus wurde im Jahr 1958 gefertigt. Seine Tragfähigkeit beträgt insgesamt 1800 Kilo – das entspricht zwei Personen mit jeweils 75 Kilo auf zwölf Kabinen verteilt. Dass viele Menschen mehr wiegen, ist durchaus einkalkuliert. Die Förderhöhe über fünf Etagen vom Fußboden der ersten Haltstelle bis zum Fußboden der fünften Haltestelle misst 16,6 Meter.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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