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Der Architekt fühlt sich übergangen

Rathausplatz Der Architekt fühlt sich übergangen

Brechen neue Zeiten für den Rathausplatz in Kiel an? Überirdisch soll ein Dorf mit 60 Buden bereits im nächsten Advent Weihnachtsstimmung verbreiten, außerdem soll die Idee einer Tiefgarage geprüft werden. Ein wenig überrumpelt von den neuen Plänen wirkt der Architekt des Platzes: Prof. Peter Hense.

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Architekt Peter Hense hat ab 1970 im Rahmen der bevorstehenden olympischen Segelwettbewerbe an der Umgestaltung des Kieler Rathausplatzes gearbeitet. Jan Koblasas Werk „Nachbar“ vorm Standesamt wurde 1972 zur Olympia-Eröffnung aufgestellt.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Der 77-jährige Prof. Peter Hense. hat das Areal im Vorfeld der olympischen Segelregatten ab 1970 neu gestaltet, was ihm vier Jahre später einen Architekten-Preis einbrachte. Schaut der Kieler heute auf „seinen Platz“, beschleicht ihn zwar Stolz, „es richtig gemacht zu haben“. Gleichzeitig aber sieht er sein Werk durch gravierende Änderungen bedroht. Am Donnerstag wird über die Rathausplatz-Pläne im Bauausschuss beraten.

 Hense nimmt Platz neben dem „Nachbarn“, der Metallblech-Skulptur von Bildhauer Jan Koblasa, vor dem Standesamt, und lässt den Blick über den Rathausplatz schweifen. Damals habe die Skulptur noch geglänzt, erinnert er sich. Aber es hat sich im Laufe der Jahre deutlich mehr gegenüber Henses ursprünglicher Konzeption verändert: Als der Platz eröffnet wurde, leuchteten noch weiße Lampen auf den Masten, gab es an der Ostseite des Opernhauses halbrunde Arkaden-Nischen mit Sitzbänken und stand daneben eine Esche.

Anwalt erwägt Klage

 All das ist verschwunden, ebenso wie eine Plakat-Vitrine: Die Sitzgelegenheiten ließ die Stadt abbauen, weil sie zum Trinkertreff verkamen, die alten Leuchten und deren Masten werden nicht mehr hergestellt. Die Vitrine sei zu einem Schandfleck geworden, bedauert Bürgermeister Peter Todeskino in einem Brief an Hense, der auch die Wegeführung über kleine Pflastersteine und die Fußgängerstreifen moniert. Die hatte die Stadt 1996 veranlasst, um Menschen mit Handicaps die Querung zu erleichtern. Ein weiteres Ärgernis für den heutigen Lehrbeauftragte an der Lübecker Fachhochschule: Seit 1988 verhindern Blumenkübel mitten auf dem Weg zur Rathausstraße, dass der Platz für alle da sein könne. Als Urheber habe ihn die Stadt in vielen Fällen nicht ausreichend und nicht rechtzeitig beteiligt, kritisiert er. Ein von ihm deshalb eingeschalteter Anwalt rät ihm jetzt, eine Klage zu erwägen.

 Finanziert wurde die Neugestaltung des 1908 gebauten Platzes aus Olympia-Fördertöpfen. Hense, damals Architekt der Landesverwaltung, ließ die Stufen zum Kleinen Kiel hin anheben als Art Arena, sodass man den Verkehr nicht sieht und der Platz einen Abschluss findet. „Er wäre sonst ins Leere gegangen“, erläutert er, „so aber wendet er sich dem Rathaus zu.“ Öffentliche Veranstaltungen, Theater, Märkte – all das war schon damals eine der Wettbewerbsaufgaben, um die zentrale Fläche besser nutzbar zu machen. Einen Weihnachtsmarkt kann er sich daher vorstellen, aber keine Tiefgarage: „Wohin mit den Ein- und Ausfahrten, der notwendigen Geschosshöhe, der Entlüftung“, warnt er, stellt aber gleichzeitig klar, sich nicht gegen Änderungen an sich zu wehren, aber als Urheber ein gewichtiges Wort mitreden zu wollen.

Stadt: Kritisierte Veränderungen sind fast alle verjährt

 Bürgermeister Peter Todeskino, seit 2005 in Kiel, kann Henses Unmut in Teilen gut nachvollziehen: Die Platzierung der Preisstele auf dem Opernhausparkplatz etwa würde auch er als „Affront“ auffassen. Aber die allermeisten von dem Architekten kritisierten Veränderungen passierten weit vor seiner Zeit als Baudezernent und sind nach Rechtsauffassung der Stadt fast alle verjährt, da Hense nach Kenntnis der Maßnahmen keine Ansprüche geltend gemacht hat. Offen sei nur noch dessen Forderung, die Informationstafel rechts neben dem Eingang aufzustellen. Derzeit steht sie nämlich links davon.

 Eine entsprechende Anhandgabe an die Norddeutsche Entwicklungsgesellschaft, das Projekt einer Tiefgarage ein Jahr lang auf Finanzierbarkeit und Machbarkeit abzuklopfen, liegt heute dem Bauausschuss zur Abstimmung vor. Der Stadt droht ein Dilemma, sollte der Bau, der mit tiefgreifenden Einschnitten einherginge, am Ende politisch beschlossen werden. Entweder kann sie die Chance ergreifen, durch eine Umgestaltung den Platz zu beleben, oder aber sie muss mit Blick auf das Urheberrecht den ursprünglichen Zustand wiederherstellen. „Ich habe hohen Respekt vor dem Werk des Preisträgers, muss aber auch feststellen, dass der Platz funktionale Mängel hat. Er ist zum Beispiel nicht barrierefrei“, sagt Todeskino. Unabhängig vom Urheberrecht könne die Stadt als Eigentümerin nach 46 Jahren Maßnahmen vornehmen, um veränderten Anforderungen und Rahmenbedingungen gerecht zu werden. Die Anpassungen in der „guten Stube“ Kiels sind für ihn „letztendlich der Beleg für eine vitale, sich immer wandelnde Stadt.“

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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