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Fingerabdruck reichte nicht für Verurteilung

Raubüberfall Fingerabdruck reichte nicht für Verurteilung

Zehn Jahre nach einem brutalen Überfall auf die Bardame eines Lokals an der „Küste“ hat das Landgericht Kiel den möglichen Täter freigesprochen. Der wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung angeklagte Algerier war nach dem Vorfall in Finnland untergetaucht.

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Nach 10 Jahren konnte der Vorfall im Rotlichtviertel von Kiel nicht mehr komplett rekonstruiert werden.

Quelle: Axel Heimken/dpa

Kiel. Nach so langer Zeit hielt das Gericht seine Schuld für nicht hinreichend erwiesen. Im Juli dieses Jahresholt den Angeklagten (49) zunächst seine Vergangenheit wieder ein: Als er sich unter falschem Namen in Kiel-Gaarden einmieten will, kontrolliert ihn die Polizei. Ein Fingerabdruck, den er in der Nacht zum 22. Juni 2006 an einem Bierglas hinterließ, wird ihm zum Verhängnis. Wegen dringenden Tatverdachts und Fluchtgefahr kommt er in U-Haft.

Kieler Woche 2006 und Fußballweltmeisterschaft – das Leben brodelte damals in der Landeshauptstadt. Am frühen Morgen hatte der Angeklagte nach eigenen Worten zusammen mit einem zweiten Mann das Lokal am Wall in Bestlaune betreten, beide in Brasilien-Fanklamotten. Ihre Mannschaft war Gruppensieger. Mit der Bardame plauderte man über Fußball.

Als sich die 25-Jährige kurz abwandte, beendete ihr Gesprächspartner abrupt das Sommermärchen, schlug ihr eine Flasche Ramazzotti an den Hinterkopf. Der bittersüße Likör aus dem Land des zukünftigen Weltmeisters hinterließ eine blutende Platzwunde. Die Zeugin ging zu Boden, der Schläger forderte entschlossen den Kassenschlüssel. Die Frau zog diesen aus ihrem Büstenhalter und übergab ihn auch gleich dem Haupttäter, der mit 400 Euro Bargeld flüchtete.

Zehn Jahre später vor Gericht, schiebt der Angeklagte die gesamte Schuld seinem bis heute unbekannten Begleiter zu: „Ich habe nichts damit zu tun.“ Der andere habe ihn kurz vorher auf der Straße angesprochen und zum Bier eingeladen. „Am Tresen sagte er: Komm, lass uns was klauen!“ Daraufhin will der Angeklagte sofort aufgestanden sein, um das Lokal zu verlassen: „Das war nicht mein Ding.“

Die Staatsanwältin stützt ihr Plädoyer auf die belastenden Aussagen der einzigen Zeugin aus dem Jahr 2006 und fordert sieben Jahre Haft. Doch die 1. Große Strafkammer folgt dem Antrag der Verteidigung und lässt den Algerier, der erst kurz vor seiner Festnahme in Deutschland Asyl beantragt hat, als freien Mann ziehen. Ihre Begründung: Seine Darstellung sei nicht mit Sicherheit zu widerlegen. Und außerdem sei die Erinnerung der Zeugin nach mehr als zehn Jahren zu lückenhaft.

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