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Der Rebell, der kein Held sein will

Rien Achterberg zu Gast in Kiel Der Rebell, der kein Held sein will

In der Kieler Greenpeace-Geschäftsstelle liegt eine erwartungsfrohe Spannung in der Luft. Rien Achterberg ist zu Gast. Der Rien Achterberg, der an Bord des Greenpeace-Schiffs „Rainbow Warrior“ war, als es am 10. Juli 1985 von Agenten des französischen Geheimdienstes im neuseeländischen Auckland versenkt wurde. „Ich bin kein Held“, betont der nun 66-Jährige.

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Greenpeace Aktivist Rien Achterberg.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Das dürften die Jungaktivisten im Hause Greenpeace anders sehen. Es ist diese Mischung aus Rock’n’Roll und Hippie-Rebellentum, die Achterberg ausstrahlt, während er bei den Kielern sitzt, Grünen Tee trinkt und von früher erzählt. Am Abend soll er den Dokumentarfilm „The Rainbow Warriors of Waiheke Island“ vorstellen.

 Was war in der Julinacht 1985 geschehen? Die „Rainbow Warrior“ lag seit drei Tagen in Auckland vor Anker. „An dem Tag hatte ein Crewmitglied Geburtstag. Wir saßen zu zwölft in geselliger Runde zusammen. Es gab Kuchen, wir tranken ein Bierchen und unterhielten uns“, erzählt Achterberg, „und dann: Peng! Direkt unter unseren Allerwertesten.“ Die Lichter gingen aus, und Kapitän Peter Willcox befahl allen, an Deck zu gehen. Oben angekommen, versuchte man sich zu orientieren: „Wir fragten uns, was passiert war.“ Viel Zeit zum Überlegen hatten sie nicht, denn nach zwei Minuten folgte die zweite Explosion. „Wir merkten, wie sich das Schiff zügig zu neigen begann, und wussten: Wir sinken.“ Sofort verließen alle das Schiff – alle bis auf Fernando Pereira. Der niederländisch-portugiesische Greenpeace-Fotograf ertrank bei dem Versuch, seine Kamera aus der Schiffskabine zu holen.

 Zwei Agenten des französischen Geheimdienstes hatten Haftminen an Rumpf und Bug des Schiffes angebracht und die Detonationen herbeigeführt. Hintergrund waren französische Nuklearversuche im Südpazifik, die die Greenpeace-Aktivisten auf der „Rainbow Warrior“ zu stören planten. Der französische Geheimdienst wollte dies verhindern.

 So dramatisch dieser Anschlag war: Man müsse sich auf die Zukunft und auf die Arbeit von Greenpeace in der Gegenwart fokussieren, sagt Achterberg. Wie hat sich Greenpeace verändert im Laufe der Jahre? „Wir sind professioneller geworden. Wir sind breiter aufgestellt. Wir haben jetzt nicht nur Hippies, sondern Anwälte, Ärzte, Ingenieure, die für Greenpeace aktiv sind“, erzählt er. Er sei sich durchaus darüber bewusst, dass sie immer noch eine Minderheit seien, aber die mediale Präsenz und auch die Breite an Unterstützern sei sehr viel größer geworden. „Wir haben mittlerweile sogar Menschen bei uns, die Anzüge tragen. Hätten Sie das jemals geglaubt? Also ich nicht!“, sagt er und lacht dabei schallend. „Aber wir wollen schließlich die Welt retten, da kann man nicht genug Leute haben!“

 Was ironisch klingt, ist durchaus ernst gemeint. Rien Achterberg ist einer dieser Menschen, die sich tatsächlich einen Großteil ihrer Zeit Gedanken darüber machen, wie die Welt zu einem besseren Ort werden kann. Findet er, dass die Krisenherde in der Welt immer mehr werden? „Ja, das kann man schon sagen. Sowohl die Ökonomie als auch die Ökologie scheinen mehr in Gefahr denn je. Gerade was Banken und Börsen angeht, habe ich das Gefühl, wir leben in einer Blase, die zu platzen droht.“ Vielleicht liege es auch an der Globalisierung, die die Probleme zu größeren mache.

 In Sachen Politik ist Rien Achterberg unerschütterlicher Anwalt der Menschenrechte und des Humanismus. TTIP? „Das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen.“ Pegida? „Statt in Militäraufrüstung sollte der Staat in Bildung und soziale Gleichberechtigung investieren. Dann würde so etwas gar nicht entstehen.“

 Flüchtlingskrise? Terrormilizen? „Der Westen hat mit unmenschlichem Kolonialismus viel Schaden in vielen Ländern angerichtet. Nun sehen wir die Menschen, die flüchten, Menschen, die bleiben und sterben, und dann gibt es die, die ihre Wut auf Westmächte kanalisieren, indem sie der Terrormiliz ,Islamischer Staat’ beitreten.“ Sein Credo, während er die gesamte neuere Geschichte der Welt aufrollt: „Make love, not war.“ Das klingt im 21. Jahrhundert fast schon wieder ein wenig eingestaubt – aus seinem Mund aber authentisch.

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Ein Artikel von
Alev Doğan
Volontärin

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