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"Ich wurde selbst zum Faschisten"

Salafist-Aussteiger berichtet "Ich wurde selbst zum Faschisten"

Dominic Schmitz ist der einzige Aussteiger, der in der breiten Öffentlichkeit von seiner aktiven Zeit als Salafist spricht. Sechs Jahre steckte er tief in der Szene, war rund um die Uhr mit der Religion beschäftigt und mit der Frage, wie er „Ungläubige auf diesen einzig wahren Weg bringen“ könnte.

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Ex-Salafist Dominic Schmitz berichtete von seinem Leben.

Quelle: Hermann-Ehlers-Akademie

Kiel. Heute ist er in Deutschland unterwegs, um andere vor der „faschistischen Ideologie“ zu warnen. Am Dienstagabend war er zum Podiumsgespräch in der Hermann-Ehlers-Akademie in Kiel.

 Angesichts der rasch wachsenden salafistischen Szene in Schleswig-Holstein und der von ihr ausgehenden Terrorgefahr folgte das Publikum seinen Erzählungen gebannt. Sehr persönlich berichtete der 28-Jährige, wie er im Alter von 17 Jahren von einem Bekannten zum ersten Mal in eine Moschee in Mönchengladbach mitgenommen wurde. Es folgten Jahre als Salafist, in denen er nach dem Mittleren Abschluss die Schule abbrach und von Hartz IV lebte. Er pilgerte mit dem bekannten salafistischen Prediger Pierre Vogel nach Mekka, missionierte mit ihm lauthals auf Marktplätzen, verteilte Flugblätter auf der Straße und produzierte Propaganda-Videos fürs Internet.

 „Was hätte ihn von dem Einstieg in die Szene abhalten können?“, will ein Mann aus dem Publikum wissen. „Mit 17 Jahren keiner mehr, da hätte früher etwas anders laufen müssen“, sagt er. Nach einer Kindheit, in der es „an Zuwendung und Anerkennung fehlte, war ich auf der dringenden Suche nach Spiritualität“. Hätte ihn ein Zeuge Jehovas, ein Jude oder Buddhist angesprochen, wäre er mit ihm gegangen, schätzt er. „Die Salafisten wirkten auf mich authentisch, sie lebten ihren Glauben, beteten, fasteten, und beantworten wirklich alle Fragen mit einem Satz: „Was ist der Sinn des Lebens? Gott zu dienen. Was passiert nach dem Tod? Paradies oder Hölle. Was ist gut, was ist schlecht? Steht im Koran.“

 Einfacher gehe es doch nicht, befindet Schmitz nüchtern. Gerade aber dieses simple Weltbild, die klaren Regeln und festen Strukturen für den Alltag habe die Religion so attraktiv für ihn gemacht. Unterbewusst hätten noch Aspekte, wie Rebellion und Anderssein, eine Rolle gespielt. Neonazi hätte er hingegen nie werden können, denn Nationalstolz und eine Einteilung nach Rassen habe er immer am allermeisten gehasst: „Das Paradoxe ist, dass ich selbst zum Faschisten wurde, nur habe ich die Welt nicht nach Hautfarben eingeteilt, sondern nach Religiosität.“

 „Was unterscheidet den Salafismus vom übrigen Islam?“, lautet eine Frage aus dem Publikum. Den Islam gebe es nicht, klärt Schmitz auf. „Jeder Mensch interpretiert seine Religion anders. Der Salafismus sagt: Ihr müsst den Koran genauso leben und interpretieren wie vor 1430 Jahren.“ Wenn dort stehe: Gib Frauen nicht die Hand, eine Ehebrecherin muss gesteinigt und einem Dieb die Hand abgeschlagen werden, dann befolgten es die Salafisten. Andere Muslime hingegen, glaubten auch an den Koran, deuteten ihn aber nicht wortwörtlich, sondern würden gewisse Ferse und Metaphern im historischen Kontext sehen. Das Problem der Salafisten beginne bei der Ignoranz: „Wenn man von einer Sache überzeugt ist, ist das etwas anderes, als wenn man, wie die Salafisten, sage: „Ich habe die Wahrheit.“ Denn letzteres impliziere, dass alle anderen die Lüge verbreiteten.

 Viele kleine Erkenntnisse wie diese, ließen Schmitz allmählich an der Ideologie zweifeln. Den Ausstieg aus der Szene schaffte er allein, ganz ohne Hilfe. Am Ende des langen Prozesses rasierte er sich seinen langen Vollbart und legte das weiße Gewand ab. Bis dahin hatte er aber viele Opfer gebracht. Das größte war wohl die Heirat mit einer ebenfalls konvertierten deutschen Muslimin, nachdem er sie nur zweimal innerhalb von sieben Tagen unter Aufsicht eines Imam gesprochen hatte. Aus der Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen. Inzwischen ist er geschieden. Von seinem Ausstieg aus den salafistischen Kreisen wollte ihn keiner seiner Glaubensbrüder ernsthaft abhalten. Doch da er nun öffentlich vor der Szene warnt, hätten ihn die Sicherheitsbehörden als gefährdet eingestuft. Das Risiko sei sogar so hoch, dass er aus Mönchengladbach weggezogen sei. Dennoch ist er weiter als Aufklärer unterwegs, hat ein Buch geschrieben, betreibt einen YouTube-Kanal, geht in Schulen und spricht über alles offen mit der Presse. Sein Leben, sein Denken, sein Äußeres hat sich komplett geändert. Nur eines ist ihm geblieben. Sein Glaube zu Allah.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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