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Schaffenskraft aus den Werkstätten

Menschen mit Behinderungen Schaffenskraft aus den Werkstätten

„Arbeit hat einen hohen Stellenwert in der deutschen Gesellschaft“, sagt Stadtrat Gerwin Stöcken bei der Eröffnung des Aktionstags von Menschen mit und ohne Behinderungen auf dem Asmus-Bremer-Platz. „Es ist wichtig, Arbeit für alle Menschen zu schaffen – auch solche, mit hohem Unterstützungsbedarf.“

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Jan Möller aus den Heider Werkstätten schnitzt in seiner Freizeit Holzfiguren aller Art. Neben der kleinen Eule soll während des Aktionstags auch noch eine größere daneben entstehen.

Quelle: Fatima Krumm

Kiel. Arbeit wie die von Jan Möller. Der 29-jährige Mitarbeiter der Heider Werkstätten sitzt auf einer Palette und schnitzt konzentriert an einem Holzklotz. Eine kleine Eule ist bereits fertig, die andere schnitzt er beim strahlenden Sonnenschein vor den Besuchern des Aktionstags.

 Neben anderen Einschränkungen ist Jan Möller gehörlos. Er arbeitet in einer Gärtnereigruppe. Seine Freizeit verbringt er mit der Holzbearbeitung. Ihm gefalle die Schnitzerei, sagt er. „Das Material Holz ist hart und zugleich weich.“ Diese Eigenschaften machen es formbar. Vom Erlös seiner Werkstücke kauft sich der junge Mann neue Gerätschaften für sein Hobby.

 Ziel des Aktionstags der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte in Schleswig-Holstein (LAG) ist es, auf die Arbeit aufmerksam zu machen, die in den Werkstätten geleistet wird. So soll auch Aufmerksamkeit bei potentiellen neuen Arbeitgebern geweckt werden. Denn die LAG setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderungen in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden, sagt Peter Koch. „Die Menschen aus den Werkstätten werden jedoch oft stigmatisiert.“ Sie hätten oft keine Chance, eingestellt zu werden, da Vorbehalte im Kollegium oder auf Seiten der Arbeitgeber wegen barrierefreier Umbaumaßnahmen vorhanden seien. Diese gelte es abzubauen, forderte Koch. „Die Leute sollen mit einem regulären Arbeitsvertrag ausgestattet werden und nicht nur über die Werkstatt angestellt sein!“

 Um ihrem Können Ausdruck zu verleihen, präsentieren sich stolz die aus dem ganzen Land angereisten Mitarbeiter der Werkstätten unter dem Motto „Ich bin es wert“. In Schleswig-Holstein arbeiten rund 12000 Menschen mit körperlichen, seelischen und geistigen Beeinträchtigungen in mehr als 50 Einrichtungen. Die handwerklichen Tätigkeiten sind sehr vielfältig: Sie reichen vom Kochen über die Schmuckfertigung bis hin zur Kfz-Pflege.

„Wir wünschen uns, dass sich die Firmen öffnen"

 Zur Wahrheit gehört aber auch, dass manche Menschen mit Behinderung lieber in ihrem gewohnten Umfeld in der Werkstatt bleiben möchten, wie Barbara Carstensen, Assistenzkraft der LAG, erklärt. Nichtsdestotrotz warb aber auch sie für ein Umdenken der Arbeitgeber: „Wir wünschen uns, dass sich die Firmen öffnen, sie brauchen keine Angst haben.“ Zudem beklagt sie, dass ein neues Teilhabegesetz des Bundes zu vielen Nachteilen für die Betroffenen führe. „Der Betreuungsschlüssel und die Freizeitmaßnahmen werden gekürzt.“ Friedrich Rabe von der Stiftung Drachensee fordert deshalb, dass die Werkstätten erhalten bleiben, damit Menschen mit Unterstützungsbedarf überhaupt arbeiten können.

 „Wenn es die Werkstatt nicht gäbe, wüsste ich gar nicht, wo ich arbeiten soll“, sagt daher auch Hauke Hülsen vom Materialhof in Rendsburg. Er stellt dort Schmuck her – Ketten, Ohrringe und Ringe. An diesem Tag sticht er mit einer Reißnadel Muster in eine Messingplatte. Im Anschluss kann er den Anhänger ausfräsen.

 Die Band Godewind übernahm die Schirmherrschaft für die Veranstaltung und begleitete den Aktionstag mit plattdeutschen Liedern. Sich für Menschen mit Behinderungen stark zu machen, liegt den Musikern am Herzen. „Wir veranstalten Workshops mit der Diakonie und der Lebenshilfe. In drei Tagen stellen wir mit musikalischen Teilnehmern eine Band auf die Beine und geben dann Konzerte“, erzählen die Bandmitglieder Anja Bublitz und Heiko Reese. Dass man immer wieder auf die Fähigkeiten der Menschen mit Behinderungen hinweisen müsse, stimme sie traurig.

 Die Schüler Luis, Laurits, Luis und Vincent von der Ostseeschule in Flensburg sind zufällig vorbeigekommen. Die Mürwiker Werkstätten aus Niebüll sind den Achtklässlern schon bekannt „Wir finden es wichtig, dass die Menschen integriert werden, sonst macht ja keiner was mit ihnen“, sagen die Schüler und betonen, dass sie die Arbeit wert schätzen.

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