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Erinnerungen an die Fischerstraße

Schlossquartier Erinnerungen an die Fischerstraße

Eine Fischerstraße gab es schon einmal in Kiel – demnächst soll ein Straßenabschnitt im neu entstehenden Schlossquartier so benannt werden. Edith Piy hat in der alten Fischerstraße einen Teil ihrer Kindheit verbracht. „Das waren total einfache Verhältnisse“, erinnert sich die 82-Jährige.

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Edith Piy freut sich, dass der traditionsreiche Straßenname in den Kieler Stadtplan zurückkehren soll. Sie hat in der ursprünglichen Fischerstraße ihre Kindheit verbracht und erzählt noch heute gern davon.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Dennoch freut sie sich nun, dass der alte Straßenname in den Kieler Stadtplan zurückkehren wird. Geboren wurde Edith, mit Mädchennamen Gundlach, im Jahr 1933. Ihr Elternhaus stand in Hassee. Doch schon bald zogen ihre Familie in den Haushalt des Großvaters mütterlicherseits, Andreas Lassen, in der Altstadt ein. Das Haus, in dem die Großfamilie zur Miete wohnte, hatte zwei Stockwerke und lag im oberen Drittel der Fischerstraße. „Wir waren sieben Kinder, die anderen Familien in der Straße waren nicht so groß“, erzählt die heute 82-Jährige. Viel Platz hatten sie nicht. Das Leben spielte sich vornehmlich in der Küche ab. Dort stand auch ein Sofa, erinnert sich Edith Piy – und hat gleich wieder das Bild vor Augen, wie ihre drei jüngeren Brüder auf diesem sitzen.

Eine eigene Toilette, davon konnte die Familie nur träumen. „Wir mussten immer raus auf den Hof, wenn wir auf Klo wollten“, sagt Piy. „Und dieser Hof war ekelhaft.“ Generell war die Nachbarschaft nicht die Vornehmste: Am Ende der Straße versperrten große Holzpaletten den Blick. Warum? Piy erzählt es anhand einer Anekdote. „Meine Mutter fragte mich oft: ,Wo bist du wieder gewesen?’ Ich hab dann geantwortet, ,Mama, ich war da, wo die Damen mit den Hunden sind’. Ich war also wieder beim Puff und habe mit den Pudeln gespielt.“

Fischer gab es längst nicht mehr

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es anfänglich noch jüdische Geschäfte. „Eines Tages waren die weg, wann genau, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“ Fischer gab es in der Fischerstraße hingen schon längst keine mehr. „Unser Milchmann und der Kaufmann, die waren in der Schloßstraße.“ Und der Opa schickte die älteste Enkelin mit einer großen Flasche auch zum Bierverkauf am Alten Markt.

Überhaupt, der Alte Markt: „Das war mein Spielplatz“, sagt sie mit einem Strahlen im Gesicht und berichtet davon, wie sie heimlich die Rollschuhe vom Schrank heruntergeholt und Runden um die Nikolaikirche gedreht hat. 1939 wurde Edith dann eingeschult in der Weißenburgstraße. Davon zeugt das Schwarz-Weiß-Foto, das auf dem Hinterhof des Hauses in der Fischerstraße entstanden ist.

Unbeschwerte Jugend endete jäh

Als sie gut zwei Jahre später den ersten Bombenangriff erlebte, fand die unbeschwerte Kindheit ein rasches Ende. Eben noch sei sie bei schönstem Wetter auf der Holstenstraße unterwegs gewesen, schon wenig später stand Gaarden in Brand. Schutz suchen konnte die Familie bei den nächsten Angriffen in einem Keller, der vom ungemütlichen Hof aus erreichbar war. Einen Platz im Bunker hatten sie nicht. Als die Wohnung der Großeltern bei einem Luftangriff zerstört wurde, fand die Familie zunächst eine neue Wohnung auf der anderen Straßenseite. Doch auch hier wurden sie ausgebombt, und dann noch ein drittes Mal am Blocksberg.

Die Familie wurde zunächst bei einem Bauern in Jübek einquartiert, zog zum Ende des Krieges nach Schönberg, nach dem Krieg richtete sich die Familie in Gaarden neu ein. 1951, mit 18, heiratete Edith. Kennengelernt hatte sie Herbert Piy im Sportverein Borussia („Ich hab Handball gespielt und geturnt, mein späterer Mann hat Fußball gespielt.“). Schon bald kam die erste ihrer drei Töchter zur Welt. „Andere Frauen haben ihre Jugend ausgekostet“, meint sie. „Tanzstunde und was nicht alles.“ Erfahrung im Haushalt brachte sie schon mit in ihre Ehe, die stolze 60 Jahre währen sollte. „Ich habe für meine jüngeren Geschwister gekocht, geputzt und gestopft“, sagt sie.

Und auch beruflich war Piy eine Managerin: 1967 stieg sie bei der Bäckerei Günther als Verkäuferin ein, stand bis zu ihrem 70. im Laden und arbeitete dann noch weitere fünf Jahre im Büro. Die Umtriebigkeit war Edith wohl schon in die Wiege gelegt – und sicher hat auch die Kindheit in der Fischerstraße ihr übriges getan. Damals eben noch ein raues Pflaster.

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Startsignal für ein 70 Millionen Euro teures Wohnprojekt in der Kieler Innenstadt: Mit einem Spatenstich läuteten die Investoren den Bau von 213 Miet- und Eigentumswohnungen im Schlossquartier ein. Im Sommer 2018 sollen die ersten Bewohner einziehen können.

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